Leitartikel Mai 2026; Stadtrat Michael Käppeli
KOMPROMISSFÄHIGKEIT - EIN ENTSCHEIDENER FAKTOR
Einige Gedanken zu Glück, zu Toleranz und Konfliktfähigkeit fürs gute Zusammenleben sowie über Lebensweisheiten habe ich in meinen bisherigen drei Leitartikeln bereits mit Ihnen geteilt. Lassen Sie mich die Legislatur und damit auch meine dazugehörige Leitartikel-Reihe schliessen mit eine paar Denkanstössen zu Kompromissfähigkeit.
«Ein Kompromiss ist dann gerecht, brauchbar und dauerhaft, wenn alle Parteien gleich unzufrieden damit sind.» – Dieses augenzwinkernde Zitat, das meist dem ehemaligen US-Aussenminister Henry Kissinger zugeschrieben wird, bringt auf den Punkt, was im ersten Moment widersprüchlich klingt: Gute Kompromisse sind selten perfekt – und gerade deshalb oft so wertvoll.
In einer Zeit, in der sich Meinungen tendenziell immer stärker verhärten und (Extrem-) Positionen mit Nachdruck und zunehmend lauter vertreten werden, gerät eine Fähigkeit zunehmend unter Druck, die für das gute Funktionieren unserer Gesellschaft zentral ist: die Kompromissfähigkeit. Dabei ist sie weder ein Zeichen von Schwäche noch von Beliebigkeit. Im Gegenteil: Wer kompromissfähig ist, beweist Haltung, Weitsicht und Verantwortungsbewusstsein.
Auch in der kommunalen Politik begegnet uns dieses Spannungsfeld regelmässig. Unterschiedliche Weltanschauungen und Interessen, berechtigte Anliegen und vielfältige Erwartungen begegnen einander. Ob bei Fragen zur Rolle des Staates, der Stadtentwicklung, dem Umweltschutz, der sozialen und öffentlichen Sicherheit oder der finanziellen Prioritätensetzung – selten gibt es einfache Lösungen, die alle gleichermassen zufriedenstellen. Und doch müssen im Stadtrat und im Parlament Entscheide getroffen werden. Entscheide, die tragen. Entscheide, die dank breiter Akzeptanz verbinden und so Stabilität und Verlässlichkeit schaffen. Tun sie es nicht, holen einem die Folgen unweigerlich ein, notabene meist früher als man gemeinhin denkt.
Kompromissfähigkeit bedeutet nun nicht, die eigenen Überzeugungen leichtfertig aufzugeben. Vielmehr geht es darum, das Gegenüber ernst zu nehmen, bewusst und unvoreingenommen zuzuhören und bereit zu sein, den eigenen Standpunkt zu reflektieren. Es ist die Kunst, zwischen dem Wünschbaren und dem Machbaren eine tragfähige Brücke zu schlagen. Diese Brücke entsteht dort, wo gegenseitiger Respekt – auch und gerade vor dem Andersdenkenden – und das gemeinsame Ziel, das Wohl der Gemeinschaft, im Vordergrund stehen.
Ein Beispiel aus dem politischen Alltag: Wenn über die Verkehrsführung im Zentrum entschieden wird, treffen unterschiedliche Interessen aufeinander. Die einen fordern mehr Raum für den motorisierten Verkehr, bessere Erreichbarkeit und zusätzliche Parkplätze, um das lokale Gewerbe zu stärken und den Alltag für Autofahrende zu erleichtern. Die anderen setzen sich für Velowege, die Schaffung von Begegnungszonen und eine Reduktion des Durchgangsverkehrs ein, um die Aufenthaltsqualität und Sicherheit zu erhöhen und die Umweltbelastung zu senken. Eine Lösung, die alle vollständig zufriedenstellt, ist selten möglich. Doch durch Dialog, Verständnis und die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen, kann ein Ergebnis entstehen, das von allen Seiten mitgetragen wird – vielleicht nicht perfekt, aber akzeptiert und nachhaltig. Apropos: Gerade bei der aktuell strittigen Frage im Parlament rund um die Zukunft des alten Werkhof- und Feuerwehrgebäudes an der Grendelbachstrassse könnte die Kompromissfähgkeit der aktiven Politikerinnen und Politiker gute Dienste für unsere Bevölkerung leisten.
Diese Fähigkeit zur Verständigung ist auch ausserhalb der Politik von grosser Bedeutung. In der Arbeitswelt, im Vereinsleben und im privaten Umfeld: Überall dort, wo Menschen zusammen-kommen und sich austauschen, braucht es die Bereitschaft, unterschiedliche Sichtweisen auszuhalten und gemeinsam Lösungen oder zumindest einmal eine geteilte Problemsicht zu entwickeln. Kompromissfähigkeit ist damit nicht nur ein politischer, sondern ein gesellschaftlicher Erfolgsfaktor. Und dieser Erfolgsfaktor hält selbst dann, wenn man sich in einzelnen Punkten auf «We agree to disagree» verständigt – also unterschiedliche Auffassungen stehen lassen und dennoch gemeinsam weiter vorangehen kann.
Gleichzeitig setzt echte Kompromissfähigkeit und -bereitschaft eine wichtige Voraussetzung voraus: Klarheit über die eigenen Werte. Wer weiss, wofür er steht, kann bewusst entscheiden, wo er nachgeben kann – und wo nicht. Ein guter Kompromiss entsteht nicht durch Beliebigkeit, sondern durch das bewusste Abwägen von Prioritäten und gezielte Entgegenkommen.
In meinen bisherigen Leitartikeln habe ich die Bedeutung von Freiheit, Selbstverantwortung und persönlichem Glück hervorgehoben. Diese Werte stehen nicht im Widerspruch zur Kompromissfähigkeit – im Gegenteil. Freiheit entfaltet ihre Wirkung erst im Zusammenspiel mit anderen. Selbstverantwortung zeigt sich auch darin, Lösungen mitzutragen, die dem Gemeinwohl dienen. Und nachhaltiges Glück entsteht oft dort, wo wir gemeinsam Fortschritte erzielen.
Was heisst das nun konkret für uns? Vielleicht, dass wir im Alltag wieder vermehrt den Dialog suchen, anstatt vorschnell zu urteilen. Dass wir Unterschiede nicht als Bedrohung, sondern als Chance verstehen. Und dass wir uns bewusst machen: Der Weg zu guten Lösungen führt selten über das Beharren auf Maximalforderungen, sondern über das Finden eines gemeinsamen Nenners.
Kompromisse sind nicht das Ende einer Diskussion – sie sind oft der Anfang von etwas Tragfähigem. Sie gelingen dort am besten, wo Offenheit und Neugierde sowie Toleranz und Respekt vor den Andersdenkenden nicht nur eingefordert, sondern auch selbst gelebt wird.
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