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Leitartikel des Stadtrates

Der Ausspruch "Achtzig Sommer" hilft Stadtrat Erik Schmausser bei Entscheidungen.

«Achtzig Sommer». Dieser Ausspruch eines Wandermanns, als Sinnbild für die Endlichkeit des eigenen Lebens, kommt mir in den letzten Monaten immer wieder in den Sinn. Bei Entscheidungen und Planungen im Privaten, im Beruf und in der Politik. In Momenten, bei denen ich mich selbst oder andere sich aufregen und Termindruck aufbauen, so dass Kleines plötzlich gross und wichtig wird. Bei der täglichen Wahl, was ich denn nun heute unternehme oder bewusst sein lasse. Und es beschäftigt mich natürlich als Stadtrat immer wieder bei meinen Besuchen der 80-jährigen Jubilarinnen und Jubilare in unserer Gemeinde. Wie waren ihre achtzig Sommer? Was waren Weichenstellungen? Was war und ist ihnen wichtig im Leben? Und was sie wohl heute beschäftigt oder besonders freut?

In meinen letzten Herbstferien wanderte ich mit meinem jüngsten, zwölfjährigen Sohn fünf Tage von Hütte zu Hütte auf dem südlichen Teil des Meraner Höhenweges im Südtiroler Naturpark Texelgruppe. Ein tolles Gefühl nur mit dem Nötigsten (und wie sich herausstellte doch mit ein paar eigentlich unnötigen Extras) im Rucksack unterwegs zu sein, lange Gespräche zu führen, Feuersalamander zu entdecken, Steinadler zu beobachten und nach Gämsen Ausschau zu halten. Und immer wieder diese eindrückliche Fernsicht in die verschneiten Berg-gipfel übers Vinschgau oder in Richtung Dolomiten.

Unsere letzte Nacht verbrachten wir in einer bilderbuchmässig gelegenen Alphütte auf rund 1'700 m ü. M. und fanden uns beim währschaften Abendessen in der geheizten gemütlichen Stube mit den anderen Gästen wieder: Ein norddeutsches Ehepaar und ein sportlicher Mann, wohl um die vierzig Jahre alt, aus dem ostdeutschen Thüringen. Nun, die Thüringer sind ja nun nicht gerade bekannt als Bergsteiger. Doch er, nennen wir ihn Kai, war schon mehrmals alleine in mehrtägigen Touren quer von Norden nach Süden durch die Alpen gewandert. Er erzählte von seinen Erfahrungen, dass unterwegs die geplante Route und Übernachtungen oft aufgrund des Wetters oder beim Erreichen der Leistungsgrenze oder wegen anderer Umstände angepasst werden musste. Ich meinte zu ihm, er müsse wohl recht fit sein und auch ein gut trainiertes Herz haben. Da erzählte Kai, dass er aufgrund eines angeborenen, jedoch lange unentdeckten, Herzfehlers sich vor fünf Jahren eine Operation unterziehen musste. So habe er ein zweites Leben geschenkt bekommen. Kai ist verheiratet, hat zwei Kinder im Grundschulalter und er verstand sich prima mit meinem Sohn beim Kartenspiel. Beruflich arbeitet er in der IT-Branche und er sage immer wieder zu seinen Kolleginnen und Kollegen, wenn es hektisch wird: «Achtzig Sommer». Und ja, er komme ganz bewusst immer wieder in seine geliebten Alpen. «Achtzig Sommer». Es ist nun, unbewusst und ohne Vorsatz, zu einer Art Mantra für mich geworden. Als Erinnerung für den steten Versuch zu mehr Gelassenheit, für eine möglichst bewusste Wahl, wie ich mein Leben führe. Und ja, im nächsten Sommer oder Herbst möchte ich wieder gerne mit meinem Sohn von Hütte zu Hütte wandern, im mir noch wenig bekannten Tiroler Karwendelgebirge. Mal sehen, welche Begegnungen dort auf uns warten.

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