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Leitartikel des Stadtrates

Salome Wyss über das Verhüllungsverbot

Lange wurde darüber gestritten, nun haben wir es – das Verhüllungsverbot auf nationaler Ebene. Während das Verhüllungsverbot für Demonstrierende wenig zu reden gab, drehte sich die Diskussion vornehmlich darum, ob es erlaubt sein soll, sich aus religiösen Gründen zu verhüllen oder nicht. Die einen argumentierten, es sei die Freiheit einer jeden Frau, ihr Gesicht zu verhüllen, wenn sie das wolle, die anderen hingegen führten ins Feld, eben diese Freiheit entstehe durch ein Verhüllungsverbot, da sich die Frauen ja nicht freiwillig verhüllen würden. Der Bundesrat stellte sich seinerseits auf den Standpunkt, ein allfälliges Verhüllungsverbot sei Sache der Kantone.

So sah ich mich als Stimmbürgerin vor einem Dilemma. Ich wollte keinesfalls irgendjemandem die freie Ausübung seiner Religion verbieten. Andererseits wollte ich ebenso wenig, dass jemand dazu gezwungen wird, sein Gesicht zu verhüllen. Ich kenne auch niemanden, der so etwas unterstützt. Allerdings drehte sich die Diskussion natürlich dennoch vor allem darum, ob nun die verschleierten Frauen dies freiwillig tun oder nicht. Dies wird nie zu klären sein. Je nach Betrachtungsweise hat es jedoch wahrscheinlich bei einigen Stimmenden den Ausschlag für ein Ja oder ein Nein gegeben. Andere werden aus Prinzip für die eine oder andere Variante gestimmt haben.

Auch ich muss zugeben, dass vollverhüllte Menschen zu sehen in mir ein etwas mulmiges Gefühl auslösen, da dies hierzulande nicht üblich und der Anblick sehr ungewohnt ist. Allerdings kannte ich diese Bilder eigentlich nur aus dem Fernsehen, womit wir beim Punkt sind, der mich letztendlich dazu bewogen hat, Nein zu stimmen. Wir haben über etwas abgestimmt, das ich nicht als Problem wahrgenommen habe. Ich habe noch nie eine vollverschleierte Frau in natura gesehen. Diejenigen, die in der Schweiz anzutreffen waren, waren vornehmlich Touristinnen. Diese werden sich in Zukunft vermutlich dafür entscheiden, die Schweiz nicht mehr zu besuchen. Auch diesbezüglich bin ich etwas gespalten. Natürlich kann man sagen, dass man sich beim Besuch fremder Länder an deren Sitten zu halten hat. Andererseits gibt es in vielen vorwiegend muslimischen Ländern Hotelanlagen, in denen sich westliche Touristen ihren Gewohnheiten entsprechend kleiden und verhalten, ohne sich darum zu kümmern, ob diese mit den örtlichen Bräuchen in Einklang sind. Da sich in einer globalisierten Welt diese Unterschiede nicht mehr innerhalb der jeweiligen Landesgrenzen halten lassen, bin ich im Zweifelsfall für Toleranz.

Nun habe ich die Abstimmung verloren und bin sehr froh, dass das Bild derselben keinen klassischen Röstigraben zeigt, sondern ein recht buntes Bild einiger Kantone, die sich aus wahrscheinlich unterschiedlichen Gründen für ein Nein ausgesprochen haben. Nach gut schweizerischer Tradition wird dieses Abstimmungsresultat von den Verlierern akzeptiert werden und die Umsetzung wird ihren Lauf nehmen, wobei es mir erlaubt sein soll, ein bisschen darüber zu schmunzeln, dass wir alle aktuell aus Pandemiegründen ab und zu verhüllt herumlaufen.

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