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Leitartikel des Stadtrates

Stadtpräsident Ueli Müller über die Altersstruktur in der Politik

AUF DEM WEG IN DIE GERONTOKRATIE?

In Amerika beginnt in diesen Tagen der Wahlkampf. Mal abgesehen von der eher fragwürdigen Qualität der Präsidentschaftskandidaturen fällt vor allem eines auf: Das Alter der beiden Bewerber. Offenbar muss man im wichtigsten Land der Welt den 70. Geburtstag ziemlich weit hinter sich haben, um Präsident zu werden!

Ich weiss nicht, ob es an mir und meinem Bekanntenkreis liegt, dass mir vermehrt auffällt, dass sich auch bei uns das öffentliche Leben immer mehr in einer Personengruppe mit eher fortgeschrittenem Alter abspielt. Bei kulturellen Anlässen in unserer Stadt sind häufig Leute, die sich der Pensionierung nähern oder diese schon hinter sich haben, stark in der Überzahl. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass diese Personen die kurzen Wege schätzen und sich freuen, einige Bekannte zu treffen, während jüngere Menschen die Grossstadt­atmosphäre vorziehen. Nach dem Motto: Wenn schon in den Ausgang, dann richtig!

Auch an Informationsveranstaltungen der Stadt nimmt hauptsächlich die ältere Generation teil, sodass die Ver­mutung aufkommt, dass sich diese stärker für das lokale Geschehen interessiert als die Bevölkerungsgruppe im mittleren Alter, die im «Vollsaft» ihrer Kräfte ist, die die heutige Wissenschaft und Technik bestens kennt und versteht. Ich möchte diese Tatsache nicht bewerten, vor allem nicht in einem abschätzigen Sinn. Denn ich bin froh, dass es überhaupt einen öffentlichen Echoraum gibt, auch wenn es meiner Meinung nach gut wäre, wenn die jüngere und mittlere Generation etwas stärker daran teilnehmen würde.

Natürlich ist es klar, dass Menschen im Erwerbsprozess und in der Familienphase stark gefordert sind und aus zeitlichen Gründen kürzer treten wollen oder müssen. Mir scheint aber auch, dass in der heutigen Zeit die Be­reitschaft abnimmt, sich verbindlich für ein Amt festzulegen. Für die Besetzung von vielen Vereins- und Partei­vorständen ist es ein grosses Problem, dass sich immer weniger Personen im mittleren Alter für eine regel­mässige Tätigkeit zur Verfügung stellen wollen und man deshalb immer häufiger auf Rentnerinnen und Rent­ner ausweichen muss.

Aus der Perspektive der älteren Generation kann man das aktive Altern oder das lebenslange Lernen sicher sehr positiv bewerten. Die Qualitäten von älteren Menschen sind unzweifelhaft ein wertvolles Gut. In vielen Kulturen wird das Alter besonders respektiert und geehrt. Stärken wie Erfahrung, Klugheit, Weisheit und Ein­sicht werden hervorgehoben. Aber dass auch der alternde Mensch nicht immer gegen Torheit geschützt ist, zeigen verschiedene Beispiele auf höchster Ebene…

Trotz allem, scheint mir, sollte das Verhältnis von jungen, «mittelalterlichen» und älteren Personen in öffentli­chen Ämtern einigermassen ausgeglichen sein. Es braucht den Übermut der Jungen, das Können der aktiven Generation und die Erfahrung der Älteren, um mit dieser Verbindung ein vielseitiges Ganzes zu erreichen. Und es sind ja mit der Ausübung eines öffentlichen Amtes nicht nur Mühsale und Beschwerden, sondern auch po­sitive Aspekte verbunden: Man trifft viele Leute, man lernt, in der Öffentlichkeit aufzutreten und man kann mit­bestimmen.

Wenn man an die demographische Entwicklung denkt, scheint es mir besonders wichtig, dass sich auch die jüngere und mittlere Generation Gehör verschafft und mitbestimmt. Nach demographischen Berechnungen werden in der Schweiz die Über-Fünfzigjährigen ab dem Jahr 2023 über die Stimmenmehrheit verfügen, das heisst, sie sind eine politische Macht. Die Gesellschaft wird zur «Gerontokratie», zur Herrschaft der Alten (die sich aber auch nicht immer einig sind!). In einer alternden Gesellschaft braucht es solidarische Lösungen in Bezug auf die Verteilung bzw. Umverteilung von Ressourcen und Kosten zwischen den Generationen. Der so genannte Generationenvertrag, der früher vor allem zum Schutz der älteren Generation gedacht war, wird ver­mehrt zu einer Vereinbarung, die beiden Seiten gerecht werden muss. Aber dafür müsste auch auf lokaler Ebene die Bereitschaft der Unter-Fünfzigjährigen, sich in der Öffentlichkeit zu engagieren, wieder anwachsen.

Denn zwei Sachen sind sicher: Erstens wird in Amerika im November ein alter Mann zum Präsidenten gewählt und zweitens werden auch wir in Illnau-Effretikon wieder Wahlen erleben. Im Frühjahr 2022 ist es so weit. Und es stellt sich die Frage: Wie viele Kandidatinnen und Kandidaten werden dann im Rentenalter sein? Immerhin hätten die neuen Pensionärinnen und Pensionäre genügend Zeit für die Stadtpolitik. Die Kinder sind ausgeflo­gen und die mittlerweile etwas tiefere Rente würde durch das Politiker-Einkommen aufgebessert. Erfahrung und Weisheit wären garantiert. Wen wählt die ältere Generation? Wir werden sehen…

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