Neuigkeit

Leitartikel des Stadtrates

Stadtrat Erik Schmausser versucht, "unfassbar" in Worten auszudrücken.

Ein winziges Virus bedient sich uns Menschen, um sich millionenfach zu vermehren und zu verbreiten. Unfass­bar, unsichtbar und unbegreiflich. Doch es bedroht uns real und verursacht vielfaches Leid. Jedoch auch der Ausweg aus der Pandemie liegt in einer unsichtbaren Kraft, die uns Menschen vereint.

Wir Menschen nehmen unsere Umwelt über unsere Sinne wahr. Alles was wir sehen, anfassen, spüren, hö­ren, riechen und schmecken können ist für uns wirklich. Alles andere ist uns irgendwie suspekt, obwohl wir dank Mikroskope und biochemischen Analysemethoden selbst Viren und ihre Bestandteile bestimmen können und dank Teleskopen in die Unendlichkeit des Alls spähen. Die deutsche Sprache ist hier sehr anschaulich, wir sagen treffend «unfassbar» oder «unbegreiflich» im direkten wie im übertragenen Sinn, wenn wir etwas nicht anfassen oder greifen und somit oft auch nicht verstehen können.

Auch die tägliche Zahlenflut zu dieser Pandemie übersteigt unsere Vorstellung. Alleine in der Schweiz sind ins­gesamt über 6'700 Personen an Covid-19 gestorben, Stand Ende Januar 2021. Trotzdem gab es bis jetzt kaum Traueranlässe, um den Verstorbenen gemeinsam zu gedenken. Ein Grund dafür ist wohl, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist. Oder dass die grosse Anzahl Verstorbener und Erkrankter unser Mitgefühl überfordert. Ein Vater einer guten Freundin musste einsam sterben, sie konnte sich im Spital im ersten Shutdown nicht von ihm verabschieden. Erfahren wir das Leid im direkten Umfeld, können wir mitfühlen, leiden wir mit den Ange­hörigen und möchten ihnen Trost spenden. Und das Unfassbare erleben wir plötzlich ganz konkret.

Lange habe ich überlegt, ob ich Corona als Thema für diesen Leitartikel wählen soll oder nicht. Aber es erging mir wie unserem Stadtpräsidenten in seiner Neujahrsansprache. Das Thema beschäftigt jeden Tag zu sehr, als dass ich es beiseitelassen kann. Ich bin überzeugt, dass wir die Pandemie bewältigen werden. Warum? Die Lektüre des Buches «Eine kurze Geschichte der Menschheit» des israelischen Historikers Yuval Noah Harari hat mir aufgezeigt, dass es nebst Sprache und Intellekt eine weitere Fähigkeit gibt, die den Homo sapiens von allen anderen Wesen dieses Planeten unterscheidet: Seine einzigartige Fähigkeit zur Kooperation dank seiner Vorstellungskraft. Eine Idee, an die alle glauben, ist genau so unfassbar und unsichtbar, wie der Virus. Ja, im Gegensatz zum Virus ist eine Idee effektiv immateriell. Aber sie hat ungeheure Kraft und kann zur realen Wirk­lichkeit werden. Geld zum Beispiel ist so eine Idee. Nationen, Demokratie, Rechte und Pflichten ebenfalls. Oder der Flug zum Mond war zunächst ein unerreichbar erscheinendes Ziel.

Unsere immaterielle Vorstellungskraft befähigt uns Menschen zur Zusammenarbeit hin auf ein gemeinsames Ziel zu tausenden, ja zu Millionen. Sei es im Guten wie im Schlechten, wie die Geschichte der Menschen uns immer wieder zeigt. Sie hat zur heutigen vielseitigsten Arbeitsteilung geführt, zu all den Spezialisten, und doch funktioniert das Zusammenspiel. Die Menschheit hat jetzt ein gemeinsames Ziel: Das Virus einzudämmen. Mit Impfungen, Tests, Quarantäne, Medikamenten und Hygiene wird dies gelingen. Unsere Vorstellungskraft wird gemeinsames Handeln bestimmen und das unfassbare Virus in seine Schranken weisen.

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