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Leitartikel des Stadtrates

Stadträtin Erika Klossner berichtet aus dem "Nähkästchen".

Hat der Kriminalbeamte Kauz, der gerade von der Kripo Zürich für eine Zeit beurlaubt wurde, und sich im Goms sehr wohl fühlt, mit mir etwas gemeinsam?

Das war die Frage des Moderators bei der Vorstellung der Lieblingsbücher der Stadträte und Stadträtinnen in der Bibliothek in Effretikon. Auf meine Antwort, dass mir das nicht immer angepasste Wesen von Kauz gefalle, gab es zustimmendes Gelächter aus dem Publikum, was mich darauf schliessen lässt, dass ich wohl auch von Aussen ab und zu so wahrgenommen werde. Ob das nun schlecht oder recht oder sogar gut ist – das zu beurteilen ist jedem selbst überlassen. Aber nicht nur meine recht persönlichen Bemerkungen wurden vom Publikum wohlwollend und lächelnd aufgenommen. Nein, auch die Bemerkung unseres Finänzlers, dass er gerne auf dem Bauch liegend sein Buch geniesst oder dass die Sicherheitsvorständin auch gerne mal einen dicken Thriller reinzieht, aber bitte auf Papier, gefiel dem Publikum.

Mit dem Vorstellen eines Lieblingsbuches und dem Gespräch mit dem Moderator hat jede Stadträtin und jeder Stadtrat die Tür zu seinem privaten Wesen ein bisschen weiter aufgestossen. Nur einen Spalt breit. Niemand hat Nabelschau betrieben, aber alle waren bereit, etwas mehr von sich preis zu geben, als dass wir das im politischen Alltag machen oder wollen. Es scheint die Zuhörerinnen und auch die Zuhörer zu interessieren, was wir Stadträtinnen und Stadträte lesen und vor allem auch, warum wir es lesen. Figuren aus den Büchern werden in Verbindung zur Leserin und zum Leser gebracht. Viele der Zuhörerinnen und Zuhörer haben jetzt wohl das Gefühl, uns etwas näher kennengelernt zu haben. Für einige sind wir möglicherweise etwas fassbarer geworden. Das vertraute Gespräch und der etwas vertieftere Einblick in das Private scheinen spannender als die „fachlichen“ Abhandlungen über ein Sachthema. Diese Erfahrung habe ich auch nach meinen „persönlichen“ Berichten über die kubanische Gelassenheit (welche mir allerdings immer noch ziemlich fremd ist) und dem Bericht über meine Hundeangst gemacht. Nie habe ich so viele Feedbacks erhalten, wie nach diesen Berichten. Die Fach- und Sozialkompetenz von uns Politikerinnen und Politikern wird anhand der täglichen politischen Arbeit gemessen, aber das, was uns vielleicht etwas sympathischer oder eben unsympathischer macht, das läuft über andere Kanäle.

Nur ungern zeigen wir Menschen unsere verletzliche Seite. Wir sind bestrebt, uns ja keine Blösse zu geben. Das Private soll dort belassen werden, wo es hingehört. Aber warum lesen so viele Menschen gerne Biografien? Es interessiert eben doch das Menschliche, das nicht Perfekte, das Erzählen eines Schicksals, das Treffen einer schwierigen Entscheidung oder der Moment eines unbeschreiblichen Glücksgefühls. Da finden sich Parallelen zum eigenen Leben, machen das eigene zufriedener oder zuversichtlicher. Wir alle sind im Leben gefordert, Glück und Schwierigkeiten treffen uns alle gleichermassen. Darum lohnt es sich, ab und zu das persönliche Nähkästchen aufzutun und hineinschauen zu lassen, um zu zeigen, dass auch bei uns nicht alles aufgeräumt ist. Das macht uns nahbar und einfach menschlich.Leitartikel des Stadtrates

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