Neuigkeit

Leitartikel des Stadtrates

Stadtrat Mathias Ottiger zum Thema Familie

In diesem Jahr fiel mir die Themenwahl für den Leitartikel schwer. Nachdem ich einige Themen bereits zu Beginn wieder verwarf, kam von einer Mitarbeiterin der spontane Vorschlag, über etwas zu schreiben, das mir persönlich wichtig ist, die Familie zum Beispiel. Obschon sie die Idee spontan einbrachte, glaube ich, hatte sie gute Gründe, mir dieses Thema vorzuschlagen. Als viel beschäftigter junger (nicht junggebliebener) Fami­lienvater, der in Beruf und Politik engagiert ist, gilt es, der Familie besonders Sorge zu tragen. Kann man sich auf eine gute und gesunde Familie stützen und seine beruflichen und politischen Ziele anpeilen, darf man die Wichtigkeit der Familie nicht vernachlässigen. In den letzten zwei Jahren haben mich verschiedene Ereignisse dazu bewogen, meiner Familie noch mehr Sorge zu tragen: Meine Erfahrungen als Scheidungsrichter und im Besonderen der traurige Abschied von meinem Ratskollegen.

Als Scheidungsrichter habe ich prägende Einblicke in die ehelichen Endphasen erhalten und damit unschöne Seiten des Lebens erfahren. Zugegebenermassen wäre man erfolgreich, wenn man Ehen retten könnte. Meine Aufgabe diesbezüglich ist leider anders: Habe ich meinen Job gut gemacht, haben sich die Ehepaare bezüglich Scheidung vollständig geeinigt. Ob beide Parteien glücklich sind, ist eine andere Frage. In manchen Fällen besteht eine unschöne Vorgeschichte, z. B. häusliche Gewalt. Bis die Ehepaare bei uns am Bezirksge­richt sind, hat sich die Lage meist etwas beruhigt. Oftmals beschäftigen mich die Dinge zu Hause weiter. Obschon wir den Scheidungsgrund nicht erfragen, interessierte es ich mich anfangs oft, was wohl wirklich geschah. Mit der Zeit gewinnt man Abstand zu diesen persönlichen Geschehen. Manchmal dauern die Ver­handlungen bis spät abends und ab und zu ist man so vertieft, dass man meint, mittendrin zu sein, statt nur dabei. Aber wenn ich dann nach Hause komme, ist es ein schönes und erleichterndes Gefühl, nicht seine ei­gene Scheidung vollzogen zu haben. Oftmals behaupte ich, dass ich durch meine Arbeit beim Gericht gegen­über meiner Frau viel aufmerksamer geworden bin.

Wenn man sich überlegt, über welche Dinge man teilweise streitet oder sich aufregt, muss man sich im Nachhinein oft eingestehen, dass Vieles mit der Zeit weniger bedeutend erscheint und die hervorgerufenen Emotionen unnötig waren. Nicht nur die Arbeit am Bezirksgericht, sondern auch die Tätigkeit im Stadtrat ver­deutlicht, wie wichtig die „Kunst“ ist, auf einer sachlichen Ebene gute Lösungen zu finden. Die Beschränkung auf ein sachliches Abwägen und Argumentieren erscheint mir seit längerer Zeit als Erfolgsrezept. Der traurige Schicksalsschlag im Herbst 2016 führte mir schonungslos vor Augen, dass ich mich wieder vermehrt auf die wesentlichen Dinge konzentrieren muss und Unwesentliches nicht überbewertet werden darf. Im Nachhinein erinnere ich mich gerne an meinen früheren Stadtratskollegen, wie er sich zielstrebig auf die wichtigen Dinge konzentriert hat und sich nie aus der Ruhe bringen liess. Seit seinem Tod habe ich mir zur Aufgabe gemacht, die Kräfte dort einzuteilen, wo es drauf ankommt, nicht im Detail zu verharren und die Dinge mit einer gewis­sen emotionalen Distanz anzugehen. Ich muss eingestehen, ich fahre damit in der Politik, im Beruf sowie auch zu Hause bei der Familie eigentlich ganz gut.

Kontakt: praesidiales@ilef.ch