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Leitartikel des Stadtrates

Stadtrat Philipp Wespi über Politik, Pura Vida und Glück.

Eigentlich wollte ich so richtig in die Tasten hauen. Scharf. Kantig. Derb. Mich enervieren, dass der Formalis­mus auch in unserer Stadt auf dem Vormarsch ist und über die Sache gestellt wird. Dass Grabenkämpfe über juristische Formulierungen geführt werden, über deren Inhalt man eigentlich unisono zustimmender Meinung ist. Dass mit Bezirksrat und Rechtsweg gedroht wird, nur weil man formalistisch anderer Meinung ist. Dass wir Politiker der Justiz und dem Rechtsweg offenbar mehr vertrauen, als uns selbst. Kurz, dass wir Politiker je länger je weniger den Job machen, für den wir eigentlich gewählt sind. Nicht mehr anstossen, beschliessen, erlassen und umsetzen, sondern uns gegenseitig juristisch und formalistisch „plagen“.

Aber nein. Ich will diese Zeilen nicht mit Klagen vergeuden. Nein. Diese Zeilen will ich für Positives nutzen. Über Glück schreiben. Wie irrelevant ist doch solches Geplänkel, wenn es ums eigentliche Lebensglück geht. Wie unwesentlich, wenn ich mir vorstelle, wenn ich bereits morgen diese Erde verlassen müsste. Just letzte Woche folgte ich einem Podcast bei SRF 4 zum Thema Glück, denn aktuell wird in Aarau dazu ausgestellt1. Im Podcast wird Costa Rica prominent erwähnt. „Pura Vida“ geht mir durch den Kopf. So begrüsst und verab­schiedet man sich in dem kleinen, mittelamerikanischen Land zwischen der Karibik und dem Pazifik. Glaubt man dem Happy Planet Index2, der neben der Lebenszufriedenheit und der Lebenserwartung auch die Ökolo­gie berücksichtigt und damit im Gegensatz zum Bruttoinlandprodukt auch das Kriterium der Nachhaltigkeit, leben in diesem Land die glücklichsten Menschen der Erde (Platz 1 von 151 Ländern; die Schweiz belegt Rang 24).

Bei den Ticos (so nennen sich die Costa Ricaner selbst) wurde die höchste soziale Zufriedenheit gemessen. Die Lebenserwartung ist nach Kanada die zweithöchste auf den beiden amerikanischen Kontinenten und dies alles bei einem relativ geringen ökologischen Fussabdruck. Die Ticos verdienen im Vergleich zu den Nachbar­ländern zwar recht gut, aber Wohlstand erscheint trotzdem zweitrangig: Ein intaktes, soziales Umfeld, das eigene physische und psychische Wohlergehen sowie die Gesundheit von Familie und Freunden stehen im Vordergrund. Die Politik im Land konzentriert sich bewusst auf die Reduktion des ökologischen Fussabdrucks: Heute steht rund ein Viertel der Landesfläche unter Naturschutz, 90 % des Stroms stammt aus erneuerbaren Quellen und bis 2021 will das Land klimaneutral sein.

„Pura Vida“. Die Menschen in Costa Rica scheinen also quasi von Geburt weg die richtige Lebenseinstellung und Wertekompass als Grundvoraussetzung zu kennen. Darüber hinaus verfügt das Land über ein für diesen Kontinent stabiles Politsystem und politische Rahmenbedingungen, die das langfristige Wohl Aller zum Ziel hat, auf Nachhaltigkeit ausgelegt ist und diesem Ziel einiges unterordnet.

Wenn ich mir überlege, wie sich die Sache bei uns in Illnau-Effretikon gestaltet, dann scheinen auch wir die Zeichen der Zeit erkannt zu haben und auf dem besten Weg zu sein, im Happy Planet Index imaginäre Plätze gut zu machen. „Pura Vida“. Auch wir kennen eine den jeweiligen Wohnorten eigene, grosse Zufriedenheit mit unserem Flecken Land. Wir pflegen trotz städtischen Prämissen ein relativ reiches Vereins- und Sozialle­ben und organisieren aus eigenem Antrieb Feste und Theaterinszenierungen. Auch wir pflegen ältere oder schwächere Menschen und versuchen, ökonomisch auf einen grünen Zweig zu kommen, ohne diesem Ziel alles unterzuordnen. Und auch wir Stadträte haben die Zeichen der Zeit erkannt und fokussieren mittels des Schwerpunktprogrammes noch mehr auf Nachhaltigkeit und Ökologie, um unseren Wohnort und damit unse­ren Planeten ein kleines Stückchen besser zu machen.

„Pura Vida“ steht für lange und auch genussvolle Tage. Für lustvolles, engagiertes Arbeiten und Schaffen. Für Optimismus, eine positive Einstellung und vieles mehr. Es ist ein Aufruf, das eigene Leben zu geniessen, trotzdem für andere zu sorgen und auf die Umwelt zu achten. So zu leben, dass auch kommende Generatio­nen noch diesem „Pura Vida“ frönen können. Die städtische Gemeindeordnung, unsere lokale Verfassung, wird im Rahmen des aktuellen Schwerpunktprogrammes überarbeitet. Sollte „Pura Vida“ darin nicht zuoberst stehen?

 

1 Global Happiness: Was brauchen wir zum Glücklichsein? Eine Ausstellung von Helvetas, die vom 17. Mai 2019 bis 1. März 2020 im Naturama Aargau, Aarau, stattfindet.

2 Gebildet wird der Happy Planet Index aus der Division des bereits existierenden „Happy Life Expectancy (HLE)“ mit dem ökologischen Fussabdruck. Der HLE wiederum beschreibt die Anzahl der glücklichen Lebensjahre eines Menschen. Dabei spielt die Lebenserwartung eine wesentliche Rolle, aber auch eine Vielzahl von Faktoren, die für die Lebenszufriedenheit wichtig sind.

 

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