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Leitartikel des Stadtrates

Stadtrat Marco Nuzzi über sich selber als "Papierli-Schwiizer"

Mein Nachname verrät es: Ich bin kein Ur-Schweizer, kein Eidgenosse. Nein, ich bin ein Italo-Schweizer, ein Secondo, ein Schweizer mit Migrationshintergrund, en «Papierli-Schwiizer».

Meine Eltern sind in den 1960er-Jahren aus dem Süden von Italien in die Schweiz zur Arbeit gekommen. Mein Vater für eine Gärtnerei in Horben. Meine Mutter für eine Schokoladenfabrik in Illnau, in Heimarbeit (heute eher bekannt als «Home Office»). Spannend zu wissen und heute kaum zu glauben, hat sie damals noch Schokolade zu Hause eingepackt. Entsprechend wurde jede Woche – zur Freude von uns und unseren Klassenkameraden – kiloweise Schokolade zu uns nach Hause geliefert.

Neben meinen beiden Geschwistern bin auch ich in der Schweiz geboren und hier in Illnau-Effretikon aufgewachsen. Im jugendlichen Alter habe ich den Antrag auf Einbürgerung gestellt. Meine Begründung damals: Ich will mich aktiv für die Schweiz engagieren, wählen und abstimmen, und in der Schweiz Militärdienst leisten (obschon dessen Intensität und Ausmass mir als Teenager nicht bekannt war). Diese Begründung hat die da-mals dafür zuständige Einbürgerungsbehörde von Illnau-Effretikon offenbar überzeugt. Ich darf heute von mir behaupten, dass ich sämtliche Punkte als erfüllt betrachten und somit wohl als «integriert» qualifiziert werden darf; meine Frau bezeichnet es eher als «überintegriert». Nun gut, ich war auch einer der wenigen Italiener, welcher lieber Eishockey statt Fussball spielte.

Glücklicherweise mussten meine Familie und ich nie mit fremdenfeindlichen Schwierigkeiten kämpfen und sind somit nie persönlich mit Rassismus konfrontiert worden. Dieses Glück haben nicht alle in der Schweiz und vor allem nicht auf dieser Welt, wie wir aktuell in den USA sehen. Ich kann kaum nachfühlen, was davon betroffene Menschen durchmachen müssen. Warum haben aber gerade wir dieses Glück? Liegt es daran, dass Italienisch eine der vier Landessprachen ist? Weil Italien sehr oft als «Bella Italia» mit gutem Essen und Wein in Verbindung gesetzt wird? Ist die Schweiz generell viel offener als andere Länder und damit weniger rassistisch? Oder ist es vielleicht wegen der Schokolade? Eine einfache Antwort wird es kaum geben, zu komplex ist das Thema. Eine simple Umbenennung von gewissen Produktenamen wird das Problem nicht lösen. Darüber zu sprechen und sich dessen stets bewusst sein, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auch in der Schweiz existieren, ist sicher ein sehr wichtiger Schritt. Der entscheidende Grund unseres Familienglücks in der Schweiz liegt aber aus meiner Sicht an einem ganz anderen Ort, der sich auch vom System in den USA stark unterscheidet: Chancengleichheit. Grundsätzlich darf und soll davon ausgegangen werden, dass wir alle die gleiche Chance haben, insbesondere bezüglich Bildung und sozialer Unterstützung.

Selbstverständlich ist auch in der Schweiz nicht alles perfekt. Gewisse profitieren davon nicht, sollten aber, und gewisse profitieren davon, sollten aber nicht. Aber die grundsätzlichen Rahmenbedingungen zur Chancen-gleichheit sind in der Schweiz um einiges besser als in manch anderen Ländern. Tragen wir Sorge, dass dies so bleibt und wo nötig verbessert wird. Das einzige Glück der Chancengleichheit, welches wir alle nie steuern können, ist der Ort oder das Land, in welchem wir geboren werden. Ich hatte dieses Glück.

Geniessen Sie die Ferien in der schönen Schweiz, oder vielleicht ja auch in Italien, und bleiben Sie weiterhin gesund.

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