Neuigkeit

Leitartikel von Stadtrat Philipp Wespi, JLIE

zum chinesischen Drachen und dem Schweizer Reformwillen

Um zu realisieren, wie einzigartig privilegiert wir Schweizerinnen und Schweizer eigentlich leben, wie klein die Dimensionen unserer sogenannten „Probleme“ im Vergleich zu anderen Ländern sind, und wie notwendig es ist, dass wir uns selbst kontinuierlich verbessern und als Land nicht stehen bleiben, ist ein regelmässiger Blick über den Tellerrand richtig und wichtig. Aus dieser Überzeugung bereise ich gerne und regelmässig andere Länder und Kulturen.  

Unter anderem studierte ich vor neun Jahren ein Semester an der chinesischen Fudan Universität in Shanghai. Mich zog es nach China, weil ich als 24-Jähriger die aufstrebende Wirtschaftsmacht China mit eigenen Augen wachsen sehen wollte. So berichtete ich im Newsletter meiner damaligen Fachhochschule, HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich, von meinen Erfahrungen, Erlebnissen und Gedanken. Aus der Überlegung, dass diese auch heute noch oder gerade wieder aktuell sind, gebe ich den damaligen Artikel an dieser Stelle nochmals wieder: 

„KAPITALISMUS“ IM KOMMUNISTISCHEN LAND 

Ein Eindruck hat sich bei mir bereits in den ersten Tagen gefestigt. Ich bin in einem kommunistischen Land, habe aber noch nie eine so offensichtliche Form von Kapitalismus erlebt wie in Shanghai. Erinnerungen an vergangene Geschichtslektionen, in denen die industrielle Revolution Europas thematisiert wurde, kommen auf. Der einzelne Arbeiter als Individuum zählt wenig. Lediglich die Masse, welche als billiger Produktionsfaktor günstige Produkte für die globalen Märkte ermöglicht, ist relevant. In den Strassen der 18-Millionen-Metropole herrscht konstant geschäftiges Treiben. „The city that never sleeps“ ist nicht mehr an der US-Ostküste zu finden, sondern an der Mündung des Jangtse-Flusses. Verschiedenste Kleinstbetriebe buhlen um Kundschaft, treiben lautstark Handel und beweisen damit, wie geschäftstüchtig, dynamisch, flexibel, leistungswillig und durchhaltestark die Bevölkerung dieses Landes ist. Ein Beispiel sind die Strassenhändler, welche während des Sommergewitters Regenschirme verkaufen, bei Sonnenschein gekühlte Getränke anbieten und den Kunden im kalten Winter Handschuhe bringen. Dass ein solches System à la Darwin die Stärkeren begünstigt und die Schwächeren schlechter stellt, ist offensichtlich. So wird das Stadtbild genauso vom „Audi A8 mit Chauffeur“ geprägt wie vom Bettler oder armen Wanderarbeiter aus der Provinz, der seine Arbeitskraft am Strassenrand anbietet. Die Dimension der „sozialen Schere“ und die damit verbundenen Konsequenzen bei ausbleibender Bekämpfung dieses Phänomens werden greifbar. 

INDIVIDUUM VERSUS GRUPPE 

Das Individuum zählt nichts – die Gruppe ist alles. Dies fängt bei der Familie an und hört beim Staat auf. Als Folge ist sich jeder selbst der Nächste, jeder seines eigenen Glückes Schmied. Rücksicht wird lediglich und ausschliesslich auf Familie und die engsten Freunde genommen. Sonst gilt das Recht des Stärkeren (wobei Stärke auch häufig mit dem Wort „Guanxi“, was so viel bedeutet wie „Beziehungen“, gleichgesetzt werden kann). Diese Haltung erklärt, weshalb man in der U-Bahn oft die Ellbogen einsetzt (selbstverständlich ohne sich dafür zu entschuldigen), das Krankenauto mit Blaulicht im Strassenverkehr genau gleich behandelt wird wie der restliche Verkehr (der stärkere Motor entscheidet) und die Kultur des Anstehens inexistent ist. Verständlich wird dadurch auch, weshalb ein Chinese Kritik an seinem Land kaum akzeptiert. Er ist Teil dieses Landes und damit des Systems. Kritik am eigenen Land zu akzeptieren, bedeutet gleichzeitig Gesichtsverlust für die einzelne Person.

AUSWENDIGLERNEN UND KREATIVITÄT

Wer bei der morgendlichen Joggingrunde die Studenten beobachtet, welche sich bereits um 6.00 Uhr mit dicken Büchern in den Pärken des Uni-Campus beschäftigen, realisiert, wie wissbegierig und fleissig dieses Volk ist. Dabei wird Lernen häufig mit Auswendiglernen gleichgesetzt, was Kreativität verunmöglicht. Chinesische Jugendliche werden nicht ermuntert, zu fragen und zu hinterfragen, sondern sich dem „Meister“ (Dozent) bedingungslos unterzuordnen und von ihm kritiklos zu lernen. Eine Frage im Unterricht führt nämlich zum Gesichtsverlust beider Parteien. Der Student beweist, dass er das Gesagte nicht begriffen hat, und der Dozent steht im Licht da, Dinge nicht so zu erklären, dass es für jeden Student verständlich ist. Mit dieser Erfahrung im Hinterkopf verstehe ich, weshalb die chinesische Wirtschaft Weltmeister im Kopieren ist, jedoch kaum Patente registrieren und Neuerfindungen angemeldet werden. Dies wird sich meines Erachtens mit der zunehmenden Zahl von chinesischen Austauschstudenten, welche nach dem Studium ins Land zurückkehren, ändern.  

Diesen zukünftigen Mix von Kreativität gepaart mit eisernem Arbeitswillen werden wir wohl bald stärker zu spüren bekommen, als uns Schweizerinnen und Schweizern lieb ist.  

„Besitzstandwahrung ist passé, Ideenreichtum, Reformwille und Einsatz sind angesagt!“

 

Kontakt: praesidiales@ilef.ch