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Les maîtres chocolatiers

Der Grosse Gemeinderat unternahm seinen diesjährigen Ausflug.

Traditionen

Es gehört zur Tradition des mittlerweile 41 Lenze zählenden Parlamentes, dass der scheidende Präsident - bzw. im diesjährigen Fall die scheidende Ratspräsidentin - ihre Kolleginnen und Kollegen zu einem sogenannten „Ratsausflug“ entführt. Die Ausgestaltung, die Wahl des Reiseziels, der Fortbewegungsmittel usw.  obliegen dabei ganz dem Gusto des jeweiligen Präsidiums – selbstverständlich in Beachtung einer gestrengen budgetierten Limite.

Um der Sache möglichst eine persönliche Note zu verleihen, liegt die Tatsache auf der Hand, dass die jeweilige Aktivität jeweils in direkter Verbindung mit persönlichen Interessen, Freizeitvorlieben oder beruflicher Facetten der/s jeweils Ratshöchsten steht.

Da dann auch das „Schuelreisli“ einem alten Brauch entspringt, stellte Brigitte Röösli, Präsidentin im ablaufenden Amtsjahr, ihren Ausflug unter das Motto der „Traditionen“. „Ich bin zwar nicht ein sehr in der Tradition verwurzelter Mensch; aber ich mag Bräuche. Sie bedeuten ein Stück Heimat“.

Rööslis Heimat liegt in der Luzerner Gemeinde Dagmarsellen. Das war denn auch der Grund, weshalb den eintreffenden Ratsmitgliedern bei der Besammlung beim Effretiker "Kebab-Eggä" eben nicht das türkische Imbissgericht, sondern ein mit „Dagmarsellerli“ (hierorts etwa dem „Schwiinschwürschtli“ entsprechend) gefüllter Hot-Dog aufgetischt wurde.

Die Eier vom Lande

Dass die Ratsausflüge (wenn auch nur am Rande) einen Lehr- und Lernauftrag in Anspruch nehmen, darf ihnen nicht in Abrede gestellt werden. Dass vom vermittelten Wissen aber dann doch selten etwas hängen bleibt, zeigte sich sogleich am Zürcher Hauptbahnhof: Wo der Rat vor drei Jahren mit dessen damaligen Präsidenten, André Büecheler, die Bauarbeiten des damals noch im Bau begriffenen Bahnhof Löwenstrasse begutachteten, fand man in den dortigen Katakomben nun drei Jahre später beinahe den Weg ans Tageslicht nicht mehr. Ooops!

Nach einem kurzen schlendernden Spaziergang entlang der durch die Mittagshektik geprägten Zürcher Bahnhofstrasse fand sich die Truppe am Schiffsteg beim Bürkliplatz wieder. „Ein Schiff wird kommen!“ – und dieses brachte den Tross nach Kilchberg am Zürichsee.

Mehr durch Zufall in Effretikon gelandet

Wer jetzt bereits Gedanken an einem möglichen Themenbruch anstellte, wurde sogleich eines Besseren belehrt. „Die stauanfällige Fahrt nach Dagmarsellen wollte ich Ihnen ersparen!“, meinte Röösli schonend.

„Hier stehen wir nun also am Ufer des Zürichsees, unweit der namensgebenden Stadt, wo ich einen grossen Teil meines Lebens verbracht habe“, wühlte die Ratsvorsitzende in ihrer Biografie. „Eigentlich bin ich ja nur nach Effretikon gezogen, weil meine Partnerin und ich in Zürich keine passende Wohnung mehr gefunden haben“. Trotz den kreischenden Möwen machte sich ein kurzes Szenen-Schweigen bemerkbar. „Hoppla!“ mögen nun traditionsbewusste Ureinwohnerinnen und –einwohner der Stadt auf dem Lande nun denken.

„Mittlerweile sind wir aber in Effretikon sogar eigenheimisch geworden – und wer hätte gedacht, dass ich nach nur sechs Jahren in unserer Stadt bereits den Grossen Gemeinderat präsidieren durfte“, kriegte Brigitte Röösli gerade nochmals die Kurve.

„In meiner ersten Ausbildung als Familienhelferin hantierte ich viel mit Lebensmittel und lernte dort die Kunst des Kochens und Backens“. Das ist aber nicht der einzige Grund, weshalb Brigitte Röösli die Vorfreude auf das, was folgte, sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben war. „Ich mag auch für mein Leben gerne Schoggi. Leider sieht man mir es auch ein wenig an“, meinte Röösli mit einer gehörigen Portion Selbstironie.

Schokolade + Kilchberg = Schokoladenfabrik Lindt & Sprüngli

Da standen sie nun also – fern von ihrer sonstigen Wirkungsstätte, dem Ratssaal, fassten die angereisten Mitglieder des Parlamentes und des Stadtrates ihre temporäre „Arbeitskluft“. Weisse Schürze und weisser Kittel mit einer ebenso "haute-couturig" anmutenden „Kochmütze“ waren für alle Pflichttenue! Dem Auge des Betrachters bot sich ein imposantes Bild. Kleider machen Leute – oder eben Confiseurs und Confiseuses! „Du xehsch ja us wiä en Schlumpf!“ – „.. und du wiä es Heinzelmännli“, gab das eine Wort das andere. Und das waren jetzt noch die netten Varianten.

Nach fachkundiger Anleitung professioneller Meister befüllte die Illnau-Effretiker Politzunft ihre eigenen Truffes au Champagne. Mit der ungewöhnlichen Kopfbedeckung wirkte manche/r Parlamentarier/in so, als hätte deren Arm ein Leben lang nichts anderes gemacht als mit grosser Kelle in einem Schoggitopf gerührt und mit ruhiger Hand Konfekt verziert.

Wo sonst bei den Ratsdebatten im übertragenen Sinne wohl lieber „Gift“ oder „bittere Pillen“ gereicht würden, übte man sich am heutigen Nachmittag im konzentrierten Arbeiten mit allerlei süssen Versuchungen. Unter den fleissigen temporären „Lehrbuben“ und „Lehrtöchtern“ waren gar einige Talente auszumachen – und für einmal waren Anträge, Weisungen, Motion, Postulat und Interpellation ausser Reichweite. Wo sonst die Druckerschwärze vom Wälzen von Verordnungen, Voranschlag. und Rechnung an den Händen haften bleibt, leckte man sich heute die Schokolade von den Fingern. Wann kann man das sonst schon?

Und doch konzentrierter Manier: Während dem "Conchieren", dem Schnabulieren und vor allem bei der händischen Bearbeitung der Kakaoingredienzien - dem „braunen Gold“ – wurde allerlei gefrotzelt und assoziiert – weiteres sei der Phantasie des Lesers bzw. der Leserin überlassen und braucht an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt zu werden.

Nachdem die Parlamentarierinnen und Parlamentarier ihre Crash-Weiterbildung in der Schoggi-Produktion vollendet hatten, pilgerte das Plenum nach einem kurzen Apéro am Ufer des Zürichsees - und mit noch mehr Schokolade bepackt - mit dem Zug zurück nach Effretikon, wo im Restaurant Bahnhöfli ein weiteres Stück Röösli’sche Tradition aufwartete – und diesmal in akustischer Form. Einige Mitglieder der Guggenmusig „Glögglifrösch“ (aus Meggen LU) gaben ein Stelldichein, dass im Bahnhöfli die Wände wackelten. Gläser und Scheiben (inklusive einige Trommelfelle) drohten bereits zu bersten, als Röösli erklärte: „Früher war ich selbst Teil dieser Truppe. Ich blies die Posaune, bis es vorne rausblutete“, so Röösli voller Stolz. „Heute habe ich keinen Pfus mehr“. Nun, wohl zumindest nur in dieser Beziehung.

Das Menu des Nachtessens berief sich dann auf eine Tessiner-Tradition, wobei beim Dessert (infolge möglichen Überkonsums) auf Schokoladenelemente verzichtet wurde.

Offiziell verabschiedet an diesem Abend wurde auch Ursula Bornhauser-Sieber, GLP. Sie trat per Ende 2014 aus dem Rat zurück. Brigitte Röösli und Andreas Hasler, Fraktionschef GLP, liessen ihr Wirken im Parlament in einigen kurzen Anekdoten Revue passieren.

Ein gelungener Ratsausflug fand zu später Stunde seinen Abschluss.

Fotos zum Ausflug finden Sie hier.