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Ein immergrüner und alles erstickender Teppich

17. November 2022
Eine Zierpflanze aus Asien, die sich invasiv verbreitet: Henrys Geissblatt

Zierpflanzen werden gerne aus fremden Ländern eingeführt, weil sie Eigenschaften besitzen, die den einheimischen Pflanzen fehlen. Beliebt sind zum Beispiel ein schneller Wuchs sowie die Resistenz gegenüber Krankheiten und Schädlingen. Aber genau diese Eigenschaften können zu einer invasiven Verbreitung führen, wie die Geschichte des Henrys Geissblatts zeigt.

Wenn die Bäume und Sträucher in unseren Wäldern ihre Blätter langsam fallen lassen, treten immergrüne Pflanzen immer deutlicher hervor. Eine dieser Pflanzen ist das Henrys Geissblatt; ihre dunkelgrünen Blätter verraten sie.
 

ZU BEGINN EIN BELIEBTES ZIERGEWÄCHS…

Die Geschichte des Henrys Geissblatt beginnt in Asien. In Indien, West-China und Nepal wächst die Pflanze in Wäldern in Höhen von 2000 bis 3600 Metern. Da sie hübsche, weiss-rötliche, duftende Blüten hervorbringt, setzt sich die Geschichte in unseren Gärten und Parkanlagen fort. Das Henrys Geissblatt schien eine ideale Zierpflanze zu sein. Sie ist attraktiv, wächst schnell und hat sich als sehr robust erwiesen. Trotz ihren wintergrünen Blättern erträgt sie Temperaturen bis -15 °C, was allerdings wenig überrascht, wenn man bedenkt, dass sie in ihren Heimatländern in Gebirgswäldern wächst. Zudem wird sie hierzulande weder von Krankheiten, noch von Schädlingen befallen. Im Herbst bildet sie schwarze Beeren, die Vögel gerne fressen. (Kleine Randbemerkung: Das sollten Sie nicht testen; für uns Menschen sind die Beeren giftig.)


…BALD EIN INVASIVER NEOPHYT

Sie ahnen es schon: Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Mit Vögeln, die sich an den Beeren gütlich getan haben, oder mit Gartenabraum gelangt das Henrys Geissblatt in unsere Wälder. Und da verhält sich der Neophyt invasiv. Mit seinen langen Trieben rankt er sich an Bäumen und Sträuchern hoch. Wenn solche Kletterhilfen fehlen, kriechen die Triebe einfach nach allen Seiten über den Boden, und zwar in rekordverdächtigem Tempo, da und dort neue Wurzeln schlagend. In kurzer Zeit entsteht ein dichtes Geflecht aus Trieben, ein immergrünes Blätterdach, das alle anderen Pflanzen überwuchert und ihnen Platz und Licht raubt. Bald wächst ausser den höheren Bäumen nur noch eine Pflanze: das Henrys Geissblatt.


PILOTVERSUCHE IN ILLNAU-EFFRETIKON

Wie wird man eine Pflanze los, die ein dichtes Netz aus bis zu 10 Meter langen Ranken bildet und deren Wurzeln und Triebe, ja selbst kurze Bruchstücke davon, neue Pflanzen bilden können? Da das Henrys Geissblatt erst seit ungefähr der Jahrtausendwende als invasiver Neophyt aufgetaucht ist, gab es bis vor kurzem nur wenig Erfahrung mit der Bekämpfung.

Als Pilotgemeinde hat Illnau-Effretikon in den letzten Jahren verschiedene Möglichkeiten getestet, wie dem invasiven Geissblatt beizukommen ist. Florian Isler, Fachleiter Forstbetrieb und Naturschutz und Neopyhtenverantwortlicher von Illnau-Effretikon, weiss inzwischen genaustens Bescheid. «Am besten funktioniert die maschinelle Bekämpfung mit einem Bagger, der mit einem sogenannten Rode-Rechen ausgerüstet ist. Damit kann das dichte Geflecht des Henrys Geissblatts ausgerissen werden – und das mit ausgezeichnetem Erfolg.»


EINE GESCHICHTE MIT HAPPYEND?

Die Geschichte des Henrys Geissblatts ist damit noch nicht zu Ende. Die Mitarbeiter des Forstbetriebs kontrollieren die bearbeiteten Standorte regelmässig und reissen alle noch so kleinen Triebe von Hand aus. Im Winter halten sie auf ihren Kontrollgängen Ausschau nach allfälligen neuen Standorten.

Ein wenigstens vorläufiges Ende würde die Geschichte dann finden, wenn sämtliche Henrys Geissblätter in unserem Siedlungsgebiet ersetzt würden durch das einheimische Wald-Geissblatt oder Windende Geissblatt, wie es auch genannt wird. Dieses bildet genau so schöne, wunderbare duftende Blüten, an denen sich Insekten gerne laben. Vögel freuen sich im Herbst an den roten Beeren. Im Gegensatz zu seinen asiatischen Verwandten wächst das einheimische Geissblatt allerdings etwas langsamer und im Herbst lässt es seine Blätter fallen, um auch für einen strengen Winter gewappnet zu sein.

Wir können problemlos auf das Henrys Geissblatt verzichten. Das wäre dann das Happyend der Geschichte.

 

Rankendes Henrys Geissblatt
Rankendes Henrys Geissblatt in einem Waldstück von Illnau-Effretikon. Die invasive Pflanze lässt sich an den immergrünen Blättern und der Behaarung an den jungen Trieben erkennen. Sie steht auf der Schwarzen Liste, weil sie die Biodiversität bedroht.
Aussreissaktion des Forstbetriebs Illnau-Effretikon
Ausreissaktion des Forstbetriebs Illnau-Effretikon: Ohne Maschinen lässt sich nichts gegen das Henrys Geissblatt ausrichten.
Einheimisches Wald-Geissblatt
Das einheimische Wald-Geissblatt lockt mit seinen gelblichen, kräftig duftenden Blüten viele Insekten, insbesondere Nachtfalter an. Es erhöht die Biodiversität und ist eine gute Alternative zu Henrys Geissblatt.


ZUR AUTORIN

Barbara Leuthold Hasler arbeitet als selbstständige Biologin und Bergführerin. Um die Natur in ihrer Wohngemeinde kümmert sie sich als Naturschutzbeauftragte der Stadt Illnau-Effretikon und in ehrenamtlichen Arbeitseinsätzen in Naturschutzgebieten.

Leuthold
Biologin Barbara Leuthold Hasler setzt sich für die Vielfalt der Pflanzen- und Tierwelt ein.

 

NEOPHYTHEN

Über 800 Pflanzen- und Tierarten, die aus fremden Ländern stammen, haben sich bei uns etabliert. Rund 10 % dieser Neobiota, wie Neophyten (Pflanzen) und Neozoen (Tiere) zusammengefasst genannt werden, verhalten sich bei uns invasiv. Das heisst, sie vermehren sich unkontrolliert und verdrängen einheimische Arten; manche von ihnen gefährden zudem die Gesundheit von Mensch und Tier. Ob oder wann eine fremde Art invasiv wird, ist völlig unvorhersehbar. 

Die Stadt Illnau-Effretikon und die Gemeinde Lindau haben im Frühling eine Kampagne gestartet, um die Bevölkerung auf die Problematik der invasiven Neophyten und Neozoen aufmerksam zu machen. Monatlich publiziert die Stadt über ihre Kommunikationskanäle und im «Regio» einen Artikel zum Thema Biodiversität. Dieser Artikel ist am 17. November 2022 erschienen.

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