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Der «neue Glöckner» von Ottikon.

31. März 2026
Generationswechsel beim «Besorger» des Ortsgeläutes von Ottikon. Er erweist Ottikerinnen und Ottiker die letzte Ehre.

Es sind nicht die Glocken der Pariser Notre-Dame-Kathedrale, aber immerhin das Ottiker Ortsgeläut. Eine seit mindestens 1903 bestehende Tradition in der Illnau-Effretiker Aussenwacht will es, dass die im Türmchen des Ottiker Schulhauses integrierten Glocken immer dann erklingen, wenn eine Ottikerin bzw. ein Ottiker ihre bzw. seine letzte Reise antritt. Die Glocken ertönen selbstverständlich nicht von alleine. Das Amt der Glöcknerin bzw. des Glöckners liegt seit Jahrzehnten sprichwörtlich in den Händen der Familie Mäder. Nach 20 Jahren wurde es Zeit für einen Generationswechsel. 
 

Schon seit 20 Jahren erweist Ruedi Mäder verstorbenen Personen aus Ottikon mit dem Glockengeläut die letzte Ehre. Nun übergibt er das Zepter an seinen Sohn Thomas - so, wie auch sein Vater Oskar die Traditionsaufgabe im Jahr 2005 bereits an ihn übertragen hatte. Auf diese Weise kann der Brauch zur Ausführung des Ottiker Totengeläuts innerhalb der Familie Mäder weitergeführt werden.

An einem sonnigen Nachmittag treffen wir Ruedi und Thomas Mäder vor dem Schulhaus in Ottikon. Gemeinsam besteigen wir die Stufen, die uns hoch in den Glockenturm führen. Ruedi Mäder kennt diese Stiegen in- und auswendig. Er erinnert sich noch daran, wie bereits sein Vater Oskar die Glocken für verstorbene Ottikerinnen und Ottiker zum Erklingen brachte und er als kleiner Junge bei diesem Zeremoniell jeweils mit dabei sein durfte. Umso stimmiger scheint es, dass nun auch sein Sohn Thomas diese Tradition weiterführen will.

Oben im gut erhaltenen Türmchen angekommen, schweift der Blick unweigerlich zu den mäjestätisch anmutenden Glocken. Das Geläut geht mittlerweile elektronisch von statten. Per Knopfdruck kann Thomas Mäder den gewünschten Läutrhythmus auslösen. Das war zu Zeiten seines Grossvaters Oskar noch anders: «Früher mussten wir an zwei Strängen ziehen, um die Glocken in Bewegung zu versetzen» erklärte Oskar Mäder dem Landboten in einem Interview im Jahr 2005. Auf einem Spickzettel aus dem selben Jahr ist festgehalten, wie lange für wen geläutet werden muss. Wem das Totengeläut vertraut ist, erkennt an der Art und Anzahl der Glockenschläge, ob eine Frau, ein Mann oder gar ein Kind verstorben ist.

Thomas Mäder freut sich, die Arbeit in dritter Generation weiterzuführen. Auch wenn einige Bewohnende der Illnau-Effretiker Aussenwacht gar nicht wissen, für was – oder besser gesagt für wen – das Geläut erklingt, verlassen sich andere darauf, dass auf diese Art und Weise über einen Todesfall informiert wird.

Auch die nächste Generation steht bereits in den Startlöchern: Sohn Remo ist zwar erst neun Jahre alt, weiss aber schon sehr gut über das «Glöckner-Dasein» Bescheid. Schliesslich begleitet er seinen Vater Thomas nicht selten in den Turm, wenn die Glocke wieder erklingen muss. «Er ist quasi Thomas’ Stellvertreter» schmunzelt Martina Mäder, die Mutter von Remo. Abgesehen davon, ist ihm das Schulhaus ohnehin bestens vertraut - er besucht darin nämlich die dritte Klasse.

Die Stadt Illnau-Effretikon dankt Ruedi Mäder für seine langjährigen Dienste und verabschiedet ihn in seinen wohlverdienten Ruhestand. Nachfolger Thomas Mäder wünscht sie einen guten Start als «neuer Glöckner» von Ottikon. 

Thomas, der neue Glöckner,
Sohn Remo, wohl der künftige Glöckner, und Ruedi Mäder, der bisherige Glöckner.
Hoch über den Dächern von Ottikon thront das Glockengeläut im Türmchen auf dem Schulhaus.
Mit den Jahren wurde das früher von Hand mittels Seilstricken zu betreibende Geläut durch eine Läutautomatik ersetzt. 
Artikel des Landboten zum letzten Generationswechsel.