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Leitartikel März 2026; Stadträtin Rosmarie Quadranti

9. März 2026
Stadträtin Rosmarie Quadranti

DER MOMENT VOR DEM RESULTAT ODER GELEBTE DEMOKRATIE


Ich schreibe diese Zeilen in einem besonderen Mo­ment, am 6. März. Am 8. März wird abgestimmt und gewählt. Die Resultate der Abstimmungen und Wahlen kenne ich also nicht. Es ist ein kurzer Zwi­schenraum – zwischen Entscheidung und Ergebnis, zwischen Beteiligung und Auswertung. Und doch lässt sich schon

jetzt etwas festhalten: Die Beteili­gung scheint aussergewöhnlich hoch zu sein. Das ist erfreulich. Denn die Stärke einer Demokratie zeigt sich nicht nur in ihren Mehrheiten, sondern auch in der Bereitschaft der Menschen, sich einzu­bringen.

Wahlen und Abstimmungen haben etwas gemein­sam: Am Ende gibt es Gewinner und Verlierer. Bei Abstimmungen werden im Fernsehen die Pro- und Contra-Komitees gezeigt. Die einen jubeln, die an­dern sind enttäuscht. Die ersten «Analysen» wer­den in die Kamera gesagt, warum man gewonnen oder verloren hat. Bei den Wahlen ist es ähnlich. In Illnau-Effretikon standen meist mehr engagierte Kandidierende zur Verfügung als Sitze zu vergeben waren. Viele haben sich mit grossem Einsatz einge­bracht, sehr viele wollten auch wirklich gewählt wer­den. Für einige hat es gereicht, für andere diesmal nicht. Und auch hier wird anschliessend analysiert.

«Wahlen bringen immer beides: Lachen und Trä­nen.»

Ein herzliches Dankeschön an alle, die kandidiert, mitgeholfen und unsere Demokratie vor Ort mit Le­ben gefüllt haben. Dieses Engagement verdient Respekt – unabhängig vom Ergebnis.

Aber es gibt auch Unterschiede zwischen Abstim­mungen und Wahlen. Bei den Plakaten zum Bei­spiel, die man in diesen Wochen überall antrifft. Bei Abstimmungen werden sie, auch in der Schweiz, zu­nehmend plakativ im negativen Sinn: kurze Schlag­worte, zugespitzte Botschaften und gelegentlich so­gar fragwürdige oder irreführende Darstellungen. Bei Wahlen hingegen schauen uns meist Menschen an – Menschen, die um Vertrauen werben. Wahlpla­kate, auf denen einem bekannte und weniger be­kannte Gesichter entgegenlächeln. Standaktionen auf den Dorfplätzen und Gespräche gehören dazu – Begegnungen, die es zwischen den Wahlterminen wohl deutlich seltener gibt.

Illnau-Effretikon hat in den vergangenen Wochen ei­nen Wahlkampf erlebt, wie man ihn sich nicht nur für die Schweiz wünscht. Engagiert, pointiert, manchmal auch kontrovers – aber stets respektvoll. Man begegnete sich auf den Plätzen. Menschen al­ler Parteien, die gewählt werden wollten und solche, die man von sich überzeugen wollte. Man disku­tierte, argumentierte, und am Ende wurde nicht sel­ten gemeinsam gelacht. Das ist keine Selbstver­ständlichkeit. Es ist Ausdruck einer politischen Kul­tur, auf die wir stolz sein dürfen.

Es ist auch erfreulich, wenn ein Gremium wie die Sozialbehörde oder der Notar in stiller Wahl bestellt werden können. Das bedeutet nicht Gleichgültig­keit, sondern Vertrauen: Vertrauen darin, dass Men­schen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, und Vertrauen darin, dass sie diese Aufgabe weiter­hin gewissenhaft erfüllen werden.

Am 8. März liegen die Resultate vor. Stimmenzähle­rinnen und Stimmenzähler haben intensive Stunden verbracht. Ein neu zusammengesetzter Stadtrat und ein neu gewähltes Parlament – vielleicht mit Sitzver­schiebungen, vielleicht auch nicht – werden im Sommer ihre Arbeit aufnehmen. Es ist bekannt, wer in der Schulpflege und der Baubehörde mitarbeiten darf. Ebenso ist die Evangelisch-reformierte Kir­chenpflege gewählt. Sicher ist, dass es überall neue Ideen und neue Verantwortlichkeiten geben wird. Doch unabhängig davon, wer gewählt wurde oder wer den Einzug diesmal verpasst hat, gilt weiterhin, was schon immer für unsere Demokratie galt: «De­mokratie lebt vom Mitmachen, nicht vom Gewin­nen.»

Die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt. Die Heraus­forderungen für unsere Stadt werden nicht kleiner. Herausforderungen rund um unsere Lebensräume, den Wirtschaftsstandort, den gesellschaftlichen Zu­sammenhalt, im Bildungs- und Sozialwesen mit ei­ner angespannten Finanzlage, sind anzugehen. Sie lassen sich nicht mit Parolen lösen, sondern nur mit Zusammenarbeit. Oder, um es mit einem oft zitier­ten Gedanken zu sagen: «In der Politik geht es nicht darum, Recht zu behal­ten, sondern Lösungen zu finden.»

Gerade hier hat Illnau-Effretikon in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, was möglich ist. Wenn Parteien über ihre Grenzen hinweg zusam­menarbeiten. Wenn Argumente mehr zählen als Parteibücher. Wenn der Wille, eine gute Lösung für die Bevölkerung zu finden, stärker ist als das Bedürf­nis, politisch zu punkten. Vielleicht liegt genau darin die Stärke unserer lokalen Politik. Nicht der oder die Stärkste gewinnt am Ende. Sondern jene parteiüber­greifende Gruppe, die für eine konkrete Herausfor­derung die überzeugendste Lösung findet.

Hoffen wir, dass wir uns diese Haltung bewahren. Gerade in einer Zeit, in der politische Fronten vieler­orts härter werden. Gar nicht zu reden, was im Aus­land passiert, wenn Machtdemonstrationen von Prä­sidenten zu Kriegen, Leid, Angst und Zerstörung und wirtschaftlicher Unsicherheit führen.

Illnau-Effretikon kann weiterhin zeigen, dass Demo­kratie auch anders funktionieren kann: respektvoll, lösungsorientiert und gemeinsam. Ich bin über­zeugt, in unserem demokratischen Verständnis en­det der Wettbewerb an der Urne – und beginnt die gemeinsame Arbeit.

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