Kopfzeile

Inhalt

Leitartikel August 2026; Stadtrat Philipp Wespi

18. August 2026

ODE AN DIE SCHWEIZ? VERDAMMT, HABEN WIR’S GUT! ABER…

…weshalb um Himmels Willen vermehren wir uns nicht mehr? Weshalb haben wir immer weniger Kin­der? Unsere Geburtenrate ist nahe am historischen Tiefstand: Nur noch 1.3 Kinder pro Frau. Zum Selbst­erhalt der Bevölkerung wären 2.1 Kinder notwendig. Ohne Zuwanderung ist so jede neue Schweizer-Ge­neration nur noch etwa 60 % so gross wie die vor­herige. Ohne Zuwanderung leben bei uns also in 100 Jahren (oder zirka drei Generationen) noch 2.1 Millionen Menschen.

Ich reise mit dem Intercity via Berner Oberland ins Wallis und von dort weiter nach Domodossola, wäh­rend ich diesen Artikel schreibe. An mir zieht sie vor­bei: Die Bilder­buchschweiz! Blaue Seen (zwar mit tiefen Pegeln), majestätische Gipfel (zwar mit im­mer kleineren Gletschern), gepflegte Äcker und Wiesen (zwar im­mer etwas staubiger und trocke­ner) und herrliche Wälder (zwar mit sehr hitzege­stressten Bäumen).

Trotz aller «Zwars». Um Himmels Willen! Wir leben doch heute (und auch künftig) im Hobbit-Land! Klein. Mehrsprachig. Wohlstands- und erfolgsver­wöhnt. Wir brauchen kein «make Switzerland great again», weil wir die «greatness» nie wirklich verlo­ren haben. Wir sind ein freies Volk. Entscheiden über uns selbst (laut Freedom House Report lebt nur etwa jeder fünfte Mensch auf der Welt in einem Land, in dem freie Wahlen möglich sind und Mei­nungsfreiheit gilt). Wir sind ein reiches Land, zählen in internationalen Wohlstands- und Vermögens­ran­kings konstant zur absoluten Weltspitze: Ob nach privatem Pro-Kopf-Vermögen oder Wirtschaftsleistung pro Kopf, wir belegen meist Plätze unter den ersten fünf bis zehn Ländern weltweit.

Weshalb teilen wir unser weltweit einzigartiges Pri­vileg, im Hobbit-Traum-Land wohnen zu dürfen, nicht mit vielen neugierigen, coolen, künftig gut ge­bildeten, träumenden, handelnden, denkenden, die Welt positiv gestaltenden Kindern? Weshalb ver­zichten Generationen von hier Lebenden auf das Pri­vileg, unser Land mit möglichst vielen eigenen Kin­dern zu teilen? Zusammen mit ihnen die Welt zu ent­decken, sie beim Erwachsenwerden zu begleiten, mit ihnen durch Dick und Dünn zu gehen, Probleme zu bewältigen und Höhepunkte zu geniessen? Mit ihnen selbst durch die Generationenränge zu wach­sen und älter zu werden?

Ich weiss nicht, ob es Angst, Selbstzentriertheit oder «noch nicht der richtige Moment» ist, die den Wunsch nach Kinderabstinenz verursacht. Aber wir vergeben damit eine Chance für uns selbst (sind Kin­der nicht die höchste Form der eigenen Selbstver­wirklichung?), für unser Land (das ohne Zuwande­rung irgendwann implodiert) und für die Gesell­schaft als Ganzes (die künftige Welt wird nicht bes­ser, wenn es niemanden mehr gibt, der die Zukunft [besser] macht).

Also, liebe Illauer, Effretikerinnen, Ottiker und Bisi­kerinnen: let’s make love! Mein Urgrossvater, der Il­lnauer Pfarrer Jakob Wespi, würde heute wohl pre­digen: «Liebed und vermehred euch». Dem schliesse ich mich mit gutem Gewissen an.

 

Zugehörige Objekte

Name Download
Leitartikel August 2026; Stadtrat Philipp Wespi (PDF, 234 kB) Download 0 Leitartikel August 2026; Stadtrat Philipp Wespi