Leitartikel August 2026; Stadtrat Philipp Wespi
ODE AN DIE SCHWEIZ? VERDAMMT, HABEN WIR’S GUT! ABER…
…weshalb um Himmels Willen vermehren wir uns nicht mehr? Weshalb haben wir immer weniger Kinder? Unsere Geburtenrate ist nahe am historischen Tiefstand: Nur noch 1.3 Kinder pro Frau. Zum Selbsterhalt der Bevölkerung wären 2.1 Kinder notwendig. Ohne Zuwanderung ist so jede neue Schweizer-Generation nur noch etwa 60 % so gross wie die vorherige. Ohne Zuwanderung leben bei uns also in 100 Jahren (oder zirka drei Generationen) noch 2.1 Millionen Menschen.
Ich reise mit dem Intercity via Berner Oberland ins Wallis und von dort weiter nach Domodossola, während ich diesen Artikel schreibe. An mir zieht sie vorbei: Die Bilderbuchschweiz! Blaue Seen (zwar mit tiefen Pegeln), majestätische Gipfel (zwar mit immer kleineren Gletschern), gepflegte Äcker und Wiesen (zwar immer etwas staubiger und trockener) und herrliche Wälder (zwar mit sehr hitzegestressten Bäumen).
Trotz aller «Zwars». Um Himmels Willen! Wir leben doch heute (und auch künftig) im Hobbit-Land! Klein. Mehrsprachig. Wohlstands- und erfolgsverwöhnt. Wir brauchen kein «make Switzerland great again», weil wir die «greatness» nie wirklich verloren haben. Wir sind ein freies Volk. Entscheiden über uns selbst (laut Freedom House Report lebt nur etwa jeder fünfte Mensch auf der Welt in einem Land, in dem freie Wahlen möglich sind und Meinungsfreiheit gilt). Wir sind ein reiches Land, zählen in internationalen Wohlstands- und Vermögensrankings konstant zur absoluten Weltspitze: Ob nach privatem Pro-Kopf-Vermögen oder Wirtschaftsleistung pro Kopf, wir belegen meist Plätze unter den ersten fünf bis zehn Ländern weltweit.
Weshalb teilen wir unser weltweit einzigartiges Privileg, im Hobbit-Traum-Land wohnen zu dürfen, nicht mit vielen neugierigen, coolen, künftig gut gebildeten, träumenden, handelnden, denkenden, die Welt positiv gestaltenden Kindern? Weshalb verzichten Generationen von hier Lebenden auf das Privileg, unser Land mit möglichst vielen eigenen Kindern zu teilen? Zusammen mit ihnen die Welt zu entdecken, sie beim Erwachsenwerden zu begleiten, mit ihnen durch Dick und Dünn zu gehen, Probleme zu bewältigen und Höhepunkte zu geniessen? Mit ihnen selbst durch die Generationenränge zu wachsen und älter zu werden?
Ich weiss nicht, ob es Angst, Selbstzentriertheit oder «noch nicht der richtige Moment» ist, die den Wunsch nach Kinderabstinenz verursacht. Aber wir vergeben damit eine Chance für uns selbst (sind Kinder nicht die höchste Form der eigenen Selbstverwirklichung?), für unser Land (das ohne Zuwanderung irgendwann implodiert) und für die Gesellschaft als Ganzes (die künftige Welt wird nicht besser, wenn es niemanden mehr gibt, der die Zukunft [besser] macht).
Also, liebe Illauer, Effretikerinnen, Ottiker und Bisikerinnen: let’s make love! Mein Urgrossvater, der Illnauer Pfarrer Jakob Wespi, würde heute wohl predigen: «Liebed und vermehred euch». Dem schliesse ich mich mit gutem Gewissen an.
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