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Das Stadthaus

Vom Gemeindehaus in Illnau zum Stadthaus in Effretikon. Viele Wege führen nach Rom - oder nach Illnau-Effretikon. Der Bau des Stadthauses verfügt über eine bewegte Geschichte, bis es 1995 schliesslich eingeweiht und 1999 abgerechnet werden konnte.

GEMEINDEKANZLEI ZU HAUSE IN DER GUTEN STUBE

Gemeindekanzlei 1884
An der Breitenacherstrasse 6 in Ober-Illnau führte
Rudolf Heider 1884 bis 1909 die Gemeindekanzlei

Im 19. Jahrhundert besass die Politische Gemeinde Illnau kein Gemeindehaus. Öffentliche Gebäude wie die Kirche, die Feuerwehr- und die Schulhäuser waren im Besitz der Reformierten Kirchgemeinde oder der verschiedenen Zivil-, Primär- und Sekundarschulgemeinden. Die Akten und Protokolle der Politischen Gemeinde wurden beim jeweiligen Gemeindeschreiber aufbewahrt: von 1832 bis 1883 bei Hans Heinrich Mäder an der Hörnlistrasse 2 und von 1884 bis 1909 bei Rudolf Heider an der Breitenacherstrasse 6 in Ober-Illnau. Um die Jahrhundertwende bestand die ganze Kanzlei der damals immerhin rund 2800 Einwohnerinnen und Einwohner zählenden Gemeinde aus einem dreissig Quadratmeter grossen Raum im Privathaus Rudolf Heiders (heute Familie Bünzli). Kein Wunder, dass das Platzproblem immer dringender nach einer neuen Lösung rief!

 

DAS GEMEINDEHAUS IN OBER-ILLNAU

Oberes Gemeindehaus Illnau
«Oberes Gemeindehaus»

Der Bau des ersten Gemeindehauses bildete einen Meilenstein in der Geschichte der Illnauer Verwaltung. Am 5. April 1908 bewilligte die Gemeindeversammlung einstimmig einen Kredit von 35'000 Franken für den Bau eines Gemeindehauses auf dem gemeindeeigenen Grundstück zwischen dem Pfarrhaus und dem Sekundarschulhaus in Ober-Illnau, nachdem die Direktion des Innern energisch die Schaffung von geeigneten Archivräumen gefordert hatte. Unter der Leitung des Rorschacher Architekten Otto Manz erstellten das Baugeschäft Weilenmann (Kempttal) und die Zimmerei Moos (Illnau) innerhalb eines Jahres den markanten Neubau, der Räumlichkeiten für die Gemeinderatskanzlei, das Zivilstandsamt, das Archiv und eine Wohnung für den Gemeindeschreiber enthielt. Auf den vom Turnverein Illnau gewünschten Turnkeller musste aus finanziellen Gründen verzichtet werden. Im Sommer 1909 zügelte Rudolf Heider seinen Haushalt und die Gemeindekanzlei an die Effretikonerstrasse 51; am 28. Juli 1909 hielt der Gemeinderat seine erste Sitzung im neuen Gemeindehaus ab - nun leider ohne Bewirtung durch den «Hörnli»- oder «Frieden»-Wirt!

Schon im Jahr 1912 baute die Politische Gemeinde auf dem acht Jahre zuvor erworbenen Grundstück zwischen Pfarrhaus und Friedhof das sogenannte «Obere Gemeindehaus», ein Mehrzweckgebäude mit einem Werkhof, wo der Leichenwagen und später die Motorspritze eingestellt wurden. Weiter enthielt es einen Unterrichtsraum, der für die Arbeitsschule, den Religionsunterricht und für Vereinsversammlungen gebraucht wurde, sowie das berüchtigte «Illauer Chefi»: Zwei Arrestzellen, die damals häufig von Landstreichern als «Notunterkünfte» benützt wurden. 1920 wurde im Dachstock des «Oberen Gemeindehauses» an der Hörnlistrasse 3 nachträglich eine Vierzimmerwohnung eingebaut. 1941 herrschte im unteren Gemeindehaus an der Effretikonerstrasse grosse Platznot. Der Gemeindeschreiber, der Steuersekretär und der Betreibungsbeamte arbeiteten im gleichen Büro! Die Bevölkerung war inzwischen auf nahezu 4000 Personen angewachsen, die Politische Gemeinde hatte 1932 die Aufgaben der sieben aufgelösten Zivilgemeinden übernommen, und die kriegswirtschaftlichen Massnahmen hatten einen weiteren Arbeitszuwachs zur Folge gehabt.

Gemeindehaus und Sekundarschulhaus Illnau
Gemeindehaus und Sekundarschulhaus Illnau

 


Ein Ausbau des Gemeindehauses war unbestritten. Am 12. Januar 1941 bewilligte die Gemeindeversammlung einen Kredit von 50'000 Franken für eine Gebäudeverlängerung auf der Nordseite nach einem Projekt des Effretiker Architekten Karl Bachofner. Ein Jahr danach genehmigte sie die Bauabrechnung mit einem Nachtragskredit von 15'500 Franken ohne Widerspruch. Gemeindepräsident Heinrich Binder bemerkte abschliessend, dass nun auch bei einer Verdoppelung der Einwohnerzahl genug Platz vorhanden sei. Diese Aussage erwies sich in der Folge als etwas zu optimistisch. Im November 1961 - die Gemeinde zählte nun 6713 Einwohner - beschloss die Gemeindeversammlung, die Stellenzahl auf der Verwaltung von sieben auf neun zu erhöhen und das Steuer- und Betreibungsamt ins benachbarte ehemalige Sekundarschulhaus zu verlegen, das die Politische Gemeinde der Sekundarschulgemeinde Illnau nach der Eröffnung des Oberstufenschulhauses Hagen ein Jahr zuvor für 66'300 Franken abgekauft hatte.

 

DIE VERWALTUNG WIRD ZWISCHEN ILLNAU UND EFFRETIKON AUFGETEILT

Verwaltungspavillion und Dr. Peter-Haus Effretikon
Verwaltungspavillion und Dr. Peter-Haus Effretikon

Die Gemeinde wuchs unaufhaltsam weiter - und mit ihr der Raumbedarf der Verwaltung. Der Bauboom, der in den 1960er Jahren Effretikon und Rikon erfasste, veränderte die Bevölkerungsverhältnisse innerhalb der Gemeinde vollständig. An der Gemeindeversammlung vom 6. November 1961 forderte erstmals ein Teilnehmer die Eröffnung eines «Zweigbüros» in Effretikon. Der damalige Bauvorstand Heinrich Hickel Hess in einer Planungseuphorie auf den Grundstücken

Jucker, Widmer und Hallauer im Zentrum Effretikons einen Verwaltungsbau mit Saaltrakt und Werkgebäude projektieren, obwohl nur der kleinere Teil des Areals der Gemeinde gehörte. Das Projekt verschwand in der Schublade bzw. im Archiv.

1966 wurde das Gemeindebauamt gegründet und als erste Verwaltungsabteilung in Effretikon einquartiert: im gemeindeeigenen Dr. Peter-Haus an der Tagelswangerstrasse 8. Im Juni 1968 überstieg die Bevölkerungszahl die magische Zahl 10'000 - die Gemeinde wurde zur Stadt, mindestens was ihren Charakter betraf. Rund drei Viertel der Bevölkerung wohnten in Effretikon.

Nach Standortanalysen einer auswärtigen Beratungsfirma und des von der Gemeinde beigezogenen Architekten Robert Steiner kam der Genieinderat unter Präsident Anton Jegen zum Schluss, die Gemeindeverwaltung ganz nach Effretikon zu verlegen und dort auf dem zentral gelegenen Grundstück zwischen Lindauer-, Wangener- und Tagelswangerstrasse ein neues Gemeindehaus in einer Zentrumsüberbauung zu erstellen. Die Standortanalyse würdigte den vorgesehenen Bauplatz mit folgenden Worten: «Der Standort für das neue Ortszentrum liegt verkehrsgünstig, ist aus allen Richtungen gut erreichbar und befindet sich an einer guten Geschäftslage. Er ist sowohl für die Errichtung von öffentlichen Bauten wie auch von Geschäftslokalen als ausgezeichnet zu bewerten. Die Gesamtüberbauung mit Gemeindehaus, Saalbau und Ladenzentrum ist als Einheit zu planen. Die spätere Expansion ist dabei mitzuberücksichtigen.»

Am 8. April 1968 stimmte die Gemeindeversammlung mit 354 zu 185 Stimmen dem Standort Effretikon zu, lehnte jedoch die Kreditbewilliqung für einen Planungswettbewerb mit zwei Stimmen Differenz ab. Am 28. Oktober des gleichen Jahres genehmigte sie dann mit ebenfalls nur zwei Stimmen Differenz den Kredit zur Durchführung eines Wettbewerbs für die Planung eines Verwaltungsgebäudes und einer Zentrumsüberbauung in Effretikon. Nachdem die drei besten Wettbewerbsentwürfe von ihren Verfassern überarbeitet worden waren, empfahl die Jury denjenigen des Winterthurer Architekturbüros Tanner+Loetscher zur Weiterbearbeitung. Nach diesem Vorschlag wäre das neue Gemeindehaus auf dem Areal der heutigen Kindertagesstätte gebaut worden und hätte rund 5,67 Millionen Franken gekostet.

Wegen Finanzierungsschwierigkeiten, einer veränderten Prioritätensetzung bei Bauvorhaben (Sportzentrum, Schulhaus Eselriet, Alterszentrum) und der Unsicherheit über den Standort nach dem Kauf des Zeiss-Areals (heute Unterhaltsbetrieb) beschloss der Gemeinderat am 6. November 1970, den Planungskredit für das Gemeindehaus in Effretikon zurückzustellen. Als einfachste und kostengünstigste Lösung sollte das aus allen Nähten platzende Gemeindehaus in Ober-Illnau an diesem Ort durch ein Provisorium ergänzt werden.

Gemeinderat Werner Schmid unterlag in der Exekutive mit seinem Vorschlag, das Provisorium in Effretikon zu erstellen und die Verwaltung aufzuteilen. Doch die Exekutive hatte die Rechnung ohne den Souverän gemacht! Am 22. März 1971 fanden sich über 600 Personen in der reformierten Kirche Effretikon ein, um über den Antrag des Gemeinderates zu befinden. Der Ausbau der Verwaltung war unbestritten - die inzwischen auf fast 14'000 gekletterte Einwohnerzahl hätte zu 28 anstatt nur zu 21 Verwaltungsangestellten berechtigt, doch waren schlicht keine Büroräumlichkeiten vorhanden. Der Effretiker Rudolf Vögtlin stellte einen Rückweisungsantrag, in dem er den Gemeinderat zur Erstellung eines Verwaltungspavillons in Effretikon und zur Verlegung der Einwohnerkontrolle, des Zivilstandsamtes, der Militärsektion und der AHV-Zweigstelle verpflichtete.

Bei der Abstimmung erhoben sich 301 Hände für den Rückweisungsantrag und nur 289 für den Gemeinderatsbeschluss, womit die Trennung der Gemeindeverwaltung beschlossen war. Schon drei Monate später bewilligte die Gemeindeversammlung einen Kredit von 575'000 Franken für den Bau eines Verwaltungspavillons in Effretikon. Unter der Leitung von Architekt Arthur Schär wurde ein einstöckiger Pavillon mit acht Büroräumen, einem Sitzungszimmer, einem Archivraum, einem Pausenraum, einem Maschinenraum und einer Schalterhalle gebaut. Am 1. Februar 1972 wurde die Aufteilung der Gemeindeverwaltung zwischen dem traditionellen Hauptort Illnau und dem neuen Bedeutungsschwerpunkt Effretikon Wirklichkeit.

Im Frühjahr 1974 wurde den veränderten Bedingungen auch mit der Einführung einer neuen Gemeindeordnung Rechnung getragen.

Stadtrat und Grosser Gemeinderat bilden seither Exekutive und Legislative, die Schulgemeinde wurde mit der politischen Gemeinde verschmolzen und die offizielle Bezeichnung von «Gemeinde Illnau» in «Stadt Illnau-Effretikon» geändert.

Die Aussage des Gemeinderates, dass der Pavillon ein Provisorium für sechs bis acht Jahre würde, quittierte ein Teilnehmer an der Gemeindeversammlung vom 22. März 1971 mit dem Goethe-Zitat: «Die Botschaft hör' ich wohl, allein, mir fehlt der Glaube.» Und der Zweifler sollte recht behalten: Nach zehn Betriebsjahren musste der undichte und schlecht isolierte Pavillon für 32'000 Franken wieder flott gemacht werden, um den Verwaltungsangestellten nochmals dreizehn Jahre einen trockenen und warmen Arbeitsplatz zu bieten.

 

DAS STÄDTISCHE GRUNDSTÜCK IM ZENTRUM EFFRETIKONS

Der Stadtrat nahm schon 1976 einen erneuten Anlauf zur Realisierung eines definitiven Verwaltungsgebäudes. Angeregt durch die Planung eines Einkaufszentrums auf dem von der Lindauerstrasse durchschnittenen Areal der Sägerei Hurni und der Zimmerei Widmer entstand der Gedanke, das künftige Stadthaus in diesen neuen Gebäudekomplex zu integrieren und das gemeindeeigene Land im Zentrum Effretikons anderweitig zu verwenden.

Um die im Abstimmungskampf gebrauchten Argumente zu verstehen, werfen wir an dieser Stelle einen Rückblick auf die Geschichte der kommunalen Landerwerbung im Geviert zwischen Lindauer-, Wangener- und Tagelswangerstrasse, die in den 1950er Jahren mit dem Kauf des Hallauergutes und der Liegenschaft Dr. Peter begann und in den 60er und 70er Jahren von der Landerwerbskommission gezielt weitergeführt wurde. Als Landreserve für die Erstellung öffentlicher Bauten kaufte die Gemeinde und später die Stadt im Zentrum Effretikons folgende Grundstücke:

Jahr

Liegenschaft

Grundstückfläche

Preis inkl. Gebäude

Preis / m2

1950

Paul+Otto Hallauer
(Bauernbetrieb; heute
Jugendhaus)

18'740 m2, davon
3'580 m2 im Zentrum

80'000 Franken

4,27 Franken;

im Zentrum
ca. 16 Franken

1953

Edith Peter (Dr. Peter-Haus;
heute Musikschule)

2'512 m2

83'000 Franken

33 Franken

1963

Rene Noser (Dr. Burkart-
IIaus; heute Kinderkrippe)

2'300 m2

420'650 Franken

183 Franken

1968

I)r. Hans Bek (Haus
abgebrochen; heute
Altersheim)

1'389 m2

400'000 Franken

288 Franken

1971

Fanny Heller (Landstück
ohne Gebäude)

912 m2

319'200 Franken

350 Franken

1974

Gebrüder Bosshard
(Hagenacherstrasse 24)

                                 991 m2

493'000 Franken

497 Franken

1978

Hasler & Co. AG
(Verkaufspavillon,
abgebrochen;
heute Stadthaus)

732 m2

482'000 Franken

658 Franken

1978

Gutschick AG (Märtplatz)

818 m2

100'000 Franken

122 Franken

1979

Eigentümergemeinschaft
Haldenstrasse

652 m2

20'000 Franken

31 Franken

1980

Kantonalbank (Märtplatz)

141 m2

 

 

1986

Rosa Widmer
(Lindauerstrasse 1,
abgebrochen;
heute Stadthaus)

750 m2

1'220'000 Franken

1 '627 Franken

1990

Erben R.Wüthrich
(vormals Fam. Kipfer,
Wangenerstrasse 9)

                                 481 m2

1'450'000 Franken

3'015 Franken

1991

Kanton Zürich
(Bahnhofstrasse)

37 m2

7'400 Franken

200 Franken

Die Tabelle zeigt eindrücklich die Entwicklung der Landpreise zwischen 1950 und 1990. Allerdings ist zu beachten, dass jeweils auch die Gebäudewerte in den Zahlen enthalten sind. Die drei ersten Käufe galten noch als günstige Gelegenheiten und wurden von den Stimmbürgern widerstandslos akzeptiert. Beim Kauf des Dr. Bek-Hauses wurde erstmals ein auch für die Kernzone (heute Zentrumszone) hoher Quadratmeterpreis festgestellt, der allerdings durch den Gebäudewert gerechtfertigt war. Nennenswerte Opposition in der  Gemeindeversammlung gab es erst beim nächsten Grundstück, das allgemein als zu teuer angesehen wurde. Auf drei Seiten von Gemeindelandumgeben, bildete die Landparzelle Heller aber ein Kernstück der Zentrumsliegenschaft und wurde deshalb mit 107 Ja-Stimmen bei 70 Gegenstimmen gekauft.

Im Laufe der Jahre ist es der Gemeinde gelungen, ihr Grundstück im Zentrum Effretikons nahezu vollständig zu arrondieren. Insgesamt kaufte sie dort rund 15'300 Quadratmeter Land und bezahlte dafür, inklusiv den darauf stehenden Gebäuden, rund 5,053 Millionen. Der durchschnittliche Quadratmeterpreis betrug 330 Franken. Die Liegenschaften wurden als Landreserve für öffentliche Bauten, jedoch ohne genaue Zweckbestimmung, gekauft.

Durch den Handwechsel erfuhren die bestehenden Liegenschaften manchen Funktionswandel: Das Hallauerhaus wurde vom Bauerngut zum Jugendhaus, das Dr. Peter-Haus von einer Arztpraxis über ein Verwaltungsgebäude mit Polizeiposten und Bauamt zur städtischen Musikschule, das Dr. Burkart-Haus von einer Zahnarztpraxis über eine Arztpraxis zur städtischen Kinderkrippe, das Dr. Bek-Haus von einer Arztpraxis zur Musikschule, bevor an seiner Stelle das Altersheim entstand. Der Hallauer-Schopf beherbergte einen Jugendraum des Blaukreuz-Vereins und eine Militärküche, bevor er anlässlich des Effimärt-Baus abgebrochen wurde.

Widmer Haus
Das Widmer-Haus, an dessen  früherer Stelle steht heute das Stadthaus

Im ehemaligen Baumgarten des Hallauergutes befand sich 1970 bis 1976 in einer Holzbaracke die Poststelle Effretikon. Der Verkaufspavillon des Eisenwarengeschäfts Hasler wurde zur Stadtbibliothek und musste wie das benachbarte Widmer-Haus, das neben zwei Wohnungen Geschäftsräume und in früheren Jahren eine Schreinerwerkstatt enthielt, im Frühling 1993 dem Stadthausneubau weichen. Einzig die Liegenschaften Kipfer und Bosshard behielten bisher ihre ursprüngliche Funktion als Wohnhäuser bei.

 

DIE ABLEHNUNG DES VERWALTUNGSGEBÄUDES IN DER ZENTRUMSÜBERBAUUNG

Als Mitte der 70er Jahre zwei private Bauherrschaften auf den Grundstücken der Sägerei Hurni und der Zimmerei Widmer eine Zentrumsüberbauung verwirklichen wollten, beauftragte der Stadtrat das Architekturbüro Tanner + Loetscher, sein siegreiches Wettbewerbsprojekt aus dem Jahr 1969 der neuen Situation anzupassen. Dessen Zentrumsüberbauung hatte Stadthaus, Saal, Altersheim, Laden, Büros und Wohnungen vorgesehen. Durch die Mithilfe des beauftragten Architekturbüros konnte die Planung des Einkaufszentrums wesentlich beeinflusst werden.

Spinnerei Hurni
Lindauerstrasse mit ehemaliger Spinnerei Hurni (heute Effi-Märt)

Die wichtigsten Ergebnisse waren die Aussparung eines Marktplatzes im Bereich der Lindauerstrasse, die Gruppierung von verschiedenen öffentlich und privat genutzten Gebäuden rund um diesen Platz, die einheitliche Gestaltung der Bauten und die Erhaltung der gemeindeeigenen Liegenschaften an der Tagelswangerstrasse (Dr. Peter und Dr. Burkart) in Verbindung mit der Schaffung eines Parkes. Zur Idee gehörte auch die Integration eines städtischen Verwaltungsgebäudes in die Zentrumsüberbauung der Winterthurer Gutschick AG, obwohl die Stadt im Herzen Effretikons ein über 11 '000 Quadratmeter grosses, zusammenhängendes Grundstück besass.

Das Projekt sah vor, das Stadthaus in der Ecke Rikoner-/Gestenrietstrasse zu verwirklichen und vom Einkaufszentrum her zu erschliessen. Das vom Generalunternehmer Gutschick AG zu erstellende Gebäude hätte inklusive Grundstückkauf je nach Variante 4,885 oder 5,665 Millionen Franken gekostet. Der Stadtrat packte die Gelegenheit beim Schopf, konnte den Zeitpunkt der Realisierung aber nicht selber bestimmen, da das Stadthaus ein Teil der Zentrumsüberbauung war. So stellte er dem Grossen Gemeinderat vier Jahre nach der Eröffnung des Verwaltungspavillons den Antrag, das neue Projekt zu genehmigen. Folgende Gründe sprachen nach seiner Meinung dafür:

  • Vermeidung weiterer Provisorien

  • Zentralisierung der in sieben verschiedenen Gebäuden tätigen Verwaltung

  • Städtebaulich richtige Nutzung des geplanten Bürogebäudes

  • Freihaltung des im Zentrum liegenden Gemeindelandes für kulturelle Nutzungen und den Bau des Altersheims

  • Kurzfristige Verfügbarkeit verschiedener Räume für Schulzwecke in den weiter bestehenden Gebäuden des städtischen Grundstücks

  • Verbilligung des Baus durch die rezessionshalber gesunkenen Baupreise und einen Bundesbeitrag zur Arbeitsbeschaffung von fast 10 Prozent

  • Wesentlicher Beitrag zur Auslösung der Zentrumsüberbauung und damit zur Unterstützung des durch die Rezession geschwächten lokalen Gewerbes

  • Stabilisierung der Einwohnerzahl nach dem Ende des Baubooms ermöglicht die richtige Dimensionierung des Verwaltungsgebäude

 

Stadtpräsident Rodolfo Keller antwortete der Lokalzeitung «Kiebitz» auf die Frage nach den Landreserven der Stadt: «An wirklich zentraler Lage mit guter Verkehrserschliessung gehört der Stadt nur die Liegenschaft rund um den heutigen Verwaltungspavillon. Nach den neuesten Abklärungen genügt diese Fläche zwar für den Bau des Altersheims und der kulturellen Bauten, nicht aber noch zusätzlich für ein Verwaltungsgebäude. Die Annahme des Projekts kann den Weg freimachen für die Planung des Altersheims im Zentrum.» Und zur Preisfrage meinte der Stadtpräsident: «Betrachtet man - und das soll bei Politikern ab und zu vorkommen - immer nur die Zeit bis zu den nächsten Wahlen, dann ist es zweifellos am billigsten, die Probleme stets aufzuschieben und nichts zu tun. Zieht man die nächsten fünf bis zehn Jahre in Betracht, dann sind Provisorien die billigste Lösung. Bei einem Bürobau ist jedoch ein Betrachtungszeitraum von 25 bis 50 Jahren unerlässlich, und dann wird die Investition in dauerhafte Lösungen zur günstigsten Möglichkeit.»

Gegen das Projekt bildete sich jedoch rasch eine breite Opposition, die folgende Argumente vorbrachte:

  • Keine Dringlichkeit nach der Aufteilung der Verwaltung und dem Pavillonbau
  • Altersheim, Schulbauten, Kanalisation und Saalfrage sind wichtiger als das Stadthaus
  • Zusätzlicher Landkauf für 429 Franken pro Quadratmeter ist neben dem gemeindeeigenen Areal nicht vertretbar
  • Befürchtete Steuerfussheraufsetzung um fünf Prozent
  • Lärmiger Standort nahe der Strassenkreuzung
  • Skepsis gegenüber der Projektausführung durch einen Generalunternehmer

Im Sommer waren die Meinungen quer durch alle Fraktionen hindurch geteilt. Der damalige Kritiker Rudolf Vögtlin, Mitglied des Grossen Gemeinderates, erklärte nachträglich: «Ein Stadthaus soll die Eigenständigkeit der Gemeinde repräsentieren und neben einem Dienstleistungsbetrieb auch ein kulturelles Begegnungszentrum sein. Das Projekt des Jahres 1976 war aber Bestandteil einer kommerziellen Überbauung und ein reines Verwaltungsgebäude. Es hat sich gelohnt, damals Nein zu sagen!»

Nach einer hitzigen Diskussion folgte das Gemeindeparlament am 24. Juni 1976 der Rechnungsprüfungskommission und beschloss mit 17 zu 15 Nichteintreten. «Wir sind soweit Schweizer und Illnauer, dass wir fähig sind, ein Stadthaus selbst zu bauen, also ohne Generalunternehmer!», wetterte zum Beispiel der Bisiker Gemeinderat Kurt Ulrich.

Eine letzte Hoffnung für das Stadthausprojekt sahen die Befürworter in einer Volksabstimmung. Der ehemalige Gemeindepräsident Anton Jegen, Max Jud und Ernst Nüssli bildeten das Initiativ-Komitee «Pro Verwaltungsgebäude Effretikon» und sammelten in kurzer Zeit 850 Unterschriften. Nach einem stürmischen Abstimmungskampf entschied das Volk am 29. August 1976 bei einer Stimmbeteiligung von 51 Prozent mit 2783 Nein gegen 1073 Ja klar gegen den Stadthausbau.

Der Bau des Einkaufszentrums auf dem Areal der Sägerei Hurni wurde 1976 dennoch in Angriff genommen; das für die Verwaltung vorgesehene Gebäude wurde um zwei Stockwerke reduziert. Im Frühjahr 1977 wurde auch auf der anderen Seite der Lindauerstrasse mit der Zentrumsüberbauung begonnen, nachdem die Zimmerei Widmer ins Industriegebiet Vogelsang umgezogen war. Für den Bau des ganzen Einkaufszentrums wurden zusätzlich fünf Wohnhäuser abgebrochen.

Im Februar 1978 genehmigten die Stimmberechtigten einen 11,7 Millionen-Kredit finden Bau eines Altersheims auf dem der Stadt gehörenden Grundstück Dr. Bek, nachdem ein erstes Projekt im Tannacher nach Anwohnerrekursen gescheitert war. Im Frühling 1982 wurde das Altersheim Bruggwiesen am neuen «Märtplatz» eingeweiht.

Die in der Zwischenzeit auf über vierzig Personen angewachsene Stadtverwaltung litt in dem für neunzehn Angestellte eingerichteten Pavillon bald unter akuter Platznot. Nachdem schon zuvor das Bauamt im Dr. Peter-Haus und verschiedene Abteilungen in Büros oberhalb desWarenhauses Regina (später Jelmoli) gearbeitet hatten, mietete der Stadtrat nach der Ablehnung des Verwaltungsgebäudes bei der Kantonalbank und dem Konsortium Zentrum Süd als Zusatz zum Pavillon neue Büroräumlichkeiten. Im Herbst 1978 wurden im «Zentrum Süd» oberhalb der Kantonalbank mehrere Ämter einquartiert sowie ein Sitzungszimmer, ein Archiv- und ein Maschinenraum eingerichtet. Während die übrigen «Aussenposten» in Effretikon aufgegeben wurden, blieb die Finanz- und die Steuerverwaltung in Illnau bestehen.
 

STADTHAUSNEUBAU AN BEDEUTUNGSVOLLEM STANDORT

Als die Stadt im Herbst 1986 ein acht Jahre zuvor abgeschlossenes Vorkaufsrecht geltend machte und die Liegenschaft Widmer an der Lindauerstrasse 1 erwerben konnte, erhielt die Stadthausplanung einen neuen Antrieb. Nach einem Projektwettbewerb mit zwölf eingeladenen Architekturbüros kam es am 1. September 1991 zur Volksabstimmung über einen Objektkredit von 19,7 Millionen Franken für den Stadthausbau nach dem Projekt des Zürcher Architekturbüros Oliver Schwarz + Thomas Meyer, der mit rund 60
Prozent Ja-Stimmen gutgeheissen wurde.

Abbruch Widmer Haus
Abbruch des Widmer-Hauses im Frühjahr 1993

Im Frühjahr 1993 wurden das Widmer-Haus und die benachbarte Hasler-Baracke abgebrochen.

Am 30. Juni 1993 erfolgte der erste Spatenstich, am 15. Dezember 1993 die Grundsteinlegung, am 10. Juni 1994 die Aufrichtefeier und am 26./27. August 1995 die offizielle Einweihung des Stadthauses. Der markante Neubau von Architekt Thomas Meyer umfasst neben Schalteranlagen, Verwaltungsräumen, Sitzungszimmern und Archiv auch Räume für die Stadtbibliothek sowie einen Saal für maximal 330 Personen, der als Parlamentssaal wie für kulturelle Veranstaltungen verwendbar ist.

Das neue Stadthaus steht interessanterweise an einer dorfgeschichtlich sehr prominenten Stelle. Vor dem Bau der Gestenrietstrasse und der Brücke Nord im Jahr 1960 lag dort an der wichtigsten Strassenkreuzung das eigentliche Dorfzentrum. Hier teilte sich früher die Bahnhofstrasse in die drei Arme nach Illnau, Rikon und Lindau auf; etwas versetzt befand sich die Abzweigung nach Tageiswangen und Wangen. Der farbige, hölzerne Wegweiser in der Strassenecke weist heute als letzter Zeuge auf den einstigen Verkehrsknotenpunkt hin.

Löwen
Der Löwen mit seinem Saal war bis zum Abbruch 1962 das gesellschaftliche Zentrum Effretikons

 

 

 

Schräg gegenüber dem neuen Stadthaus, neben der legendären Eisenbahn-Schranke, stand das Restaurant «Löwen» mit seinem vielfältig genutzten Saal. Der 1962 erfolgte Abbruch des Gebäudes - es musste dem Warenhaus Regina weichen - bedeutete den Verlust des gesellschaftlichen Zentrums von Effretikon und den Beginn des lange andauernden Saalproblems, das mit provisorischen Lösungen in der Turnhalle und im Singsaal Watt nur notdürftig behoben wurde. Der Saal im neuen Stadthaus ist gewissermassen der Nachfolger des ehemals kaum einen Steinwurf entfernten Löwensaals.

Das Stadthaus stellt städtebaulich ein Verbindungsglied zwischen dem traditionellen Geschäftszentrum an der Bahnhofstrasse und dem Einkaufszentrum «Effimärt» dar und ist ein wichtiger Stein im Mosaik des historisch gesehen sehr jungen Effretiker Zentrums, dessen Bildung auf den Bahnbau von 1855 zurückzuführen ist, aber erst um die Jahrhundertwende richtig einsetzte.

Der ehemalige Gemeinde- und Stadtschreiber Werner Hintermeister, ein intimer Kenner der Illnauer Gemeindeverwaltung, blickte anlässlich eines Interviews im Jahre 1995 auf 46 Arbeitsjahre im Gemeindehaus und in den verschiedenen Provisorien zurück: «Als ich 1936 als Sekretär in Illnau begann, waren wir drei Verwaltungsangestellte: der Gemeindeschreiber, der Steuersekretär und ich. Als ich 1961 zum Gemeindeschreiber gewählt wurde, erfolgte gerade die Erhöhung von sieben auf neun Stellen. Bei meiner Pensionierung 1982 arbeiteten rund vierzig Personen auf der Verwaltung, und heute sind es mit den Lehrlingen bereits über sechzig! Natürlich wäre die Führung der verschiedenen Ämter ohne die Aufteilung in sechs, zeitweise sieben Gebäude einfacher gewesen. 1976 war ich der Meinung: den Illnauern der «Rössli»-Saal, den Effretikern das Stadthaus. Aber im Nachhinein muss ich sagen: Wir haben nun eine bessere Lösung. Das Warten hat sich gelohnt!»

Stadthaus 1995
Das Stadthaus im Zentrum von Effretikon im Jahre 1995

Der Grosse Gemeinderat genehmigte am 15. Juli 1999 unter «heftigem Knurren» einen Nachtragskredit von 3,728 Millionen Franken für den Stadthausneubau im Zentrum von Effretikon. Es hagelt Tadel an die Adresse des damaligen Stadtrates und der eingesetzten Baukommission. Der Stadtrat wurde sogar dazu aufgefordert, sich bei der Bevölkerung für die massive Kreditüberschreitung zu entschuldigen. Im Gegenzug dazu wurde aber auch attestiert, dass die Stadt für den hohen Betrag einen entsprechenden Gegenwert erhalten habe.

 

 

 

 

 

 

Aus dem Jahrheft 1996 Stadt Illnau-Effretikon
Text von Ueli Müller, Tuschzeichnungen: Marilene Jucker
Bearbeitet durch Abteilung Präsidiales, 2021

 

Quellen:

Protokolle des Gemeinde- bzw. Stadtrates 1908-1993
Protokolle der Gemeindeversammlungen 1908-1973
Protokolle des Grossen Gemeinderates 1974-1993
Artikel und Leserbriefe im «Kiebitz» und im «Zürcher Oberländer»
Gespräche mit Alt-Stadtschreiber Kurt Eichenberger, dem ehemaligen Gemeindeschreiber Werner Hintermeister, dem ehemaligen Gemeinderat und Mitglied der Landerwerbskommission Willy Meisterhans, mit Alt-Gemeinderat Rudolf Vögtlin und dem ehemaligen Bausekretär Hans Wegmann

 

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